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Briefe an Pater Jean-Marie Perrin

   

                                                     19. Januar 1942

 

Mein lieber Pater Perrin,

ich entschließe mich, Ihnen zu schreiben, um – wenigstens bis auf weiteres – unsere Gespräche über meinen Fall abzuschließen. Ich bin es müde, Ihnen immerfort von mir zu sprechen, denn das ist ein erbärmlicher Gegenstand; aber ich bin dazu gezwungen, um des Anteils willen, den Sie aus Nächstenliebe an mir nehmen.

       Ich bin in diesen Tagen über den Willen Gottes mit mir zu Rate gegangen, worin er besteht und wie es gelingen möchte, ihm in allen Stücken zu entsprechen. Ich will Ihnen sagen, was ich darüber denke.

       Man muss drei Bereiche unterscheiden: einmal das, worauf wir nicht den geringsten Einfluss haben; hierzu gehören alle zu dieser Stunde bereits vollendeten Tatbestände des ganzen Universums; ferner alles, was, jeglicher Möglichkeit einer Einwirkung unsererseits entzogen, sich seiner Vollendung nähert oder bestimmt ist, sich später zu vollenden. In diesem Bereich ist alles, was tatsächlich geschieht, ausnahmslos Gottes  Wille. Daher soll man in diesem Bereich unbedingt alles lieben, im Ganzen wie in jeder Einzelheit, mit einbegriffen das Böse in allen seinen Gestalten; insbesondere aber seine eigenen vergangenen Sünden, insofern sie vergangen sind (denn insofern ihre Wurzeln noch vorhanden sind, soll man sie hassen), seine eigenen vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Leiden, und – was bei weitem das Schwerste ist – die Leiden der übrigen Menschen, insofern man nicht berufen ist, sie zu lindern. Mit anderen Worten: Man soll die Wirklichkeit und Gegenwart Gottes durch ausnahmslos alle äußeren Dinge hindurch so deutlich empfinden, wie die Hand die Beschaffenheit des Papiers durch den Federhalter und die Feder hindurch empfindet.

       Der zweite Bereich ist der Bereich dessen, was der Herrschaft des Willens untersteht. Es umfasst die rein natürlichen, nah erreichbaren, durch unser Erkenntnisvermögen und unsere Einbildungskraft leicht vorstellbaren Dinge, unter denen wir durch ein Tun von außen bestimmte Mittel im Hinblick auf bestimmte und endliche Ziele auswählen, anordnen und vereinigen können. In diesem Bereich soll man unausweichlich und unverzüglich alles tun, was offenkundig als eine Pflicht erscheint. Wenn keine augenscheinliche Pflicht erscheint, soll man bald mehr oder minder willkürlich gewählte, jedoch unveränderliche Regeln beobachten, bald, jedoch in begrenztem Ausmaße, seiner Neigung folgen. Denn eine der gefährlichsten Formen der Sünde, oder vielleicht die gefährlichste, besteht darin, Unbegrenztes in einen seinem Wesen nach endlichen Bereich zu verlegen.

       Der dritte Bereich ist der Bereich jener Dinge, die zwar nicht der Herrschaft des Willens unterstehen und sich auch nicht auf unsere natürlichen Pflichten beziehen, die aber dennoch von uns nicht gänzlich unabhängig sind. In diesem Bereich erleiden wir von Seiten Gottes einen Zwang, vorausgesetzt, dass wir verdienen, diesen Zwang zu erleiden, und genau in dem Maße, als wir es verdienen. Gott belohnt die Seele, die mit Liebe und Aufmerksamkeit an ihn denkt, und er belohnt sie, indem er einen Zwang auf sie ausübt, der dieser Liebe und Aufmerksamkeit mit letzter mathematischer Strenge proportional ist. Man soll sich diesem Anstoß überlassen, genau bis zu dem Punkte laufen, wo er hinführt, und nicht einen einzigen Schritt darüber hinaus tun, nicht einmal in Richtung auf das Gute. Gleichzeitig soll man fortfahren, mit immer größerer Liebe und Aufmerksamkeit an Gott zu denken, und hierdurch erlangen, dass man immer weiter gestoßen und der Gegenstand eines Zwanges wird, der sich in wachsendem Maße eines immer größeren Teiles der Seele bemächtigt. Wenn dieser Zwang sich der ganzen Seele bemächtigt hat, dann ist man im Stande der Vollkommenheit. Aber auf welcher Stufe man sich auch befinde, man soll nichts über das hinaus vollbringen, wozu man unwiderstehlich getrieben wird, selbst nicht um des Guten willen.

       Ich habe mich auch über die Natur der Sakramente befragt, und ich will Ihnen auch sagen, was meine Ansicht darüber ist.

       Die Sakramente haben einen spezifischen Wert, der ein Geheimnis darstellt, insofern als sie eine gewisse Art der Berührung mit Gott einschließen, eine zwar geheimnisvolle, doch wirkliche Berührung. Gleichzeitig haben sie als Symbole und Zeremonien einen rein menschlichen Wert. In dieser letzteren Hinsicht unterscheiden sie sich nicht wesentlich von den Gesängen, Gebärden und Parolen gewisser politischer Parteien; zumindest unterscheiden sie sich hiervon nicht wesentlich durch sich selbst; selbstverständlich unterscheiden sie sich hiervon unendlich durch die Lehre, auf die sie sich beziehen. Ich glaube, die Mehrzahl der Gläubigen hat mit den Sakramenten nur insoweit eine Berührung, als sie Symbole und Zeremonien sind, mit einbegriffen manche, die vom Gegenteil überzeugt sind. Die Durkheimsche Theorie, die das Religiöse mit dem Sozialen gleichsetzt, mag zwar dumm sein, aber es liegt doch etwas Wahres in ihr; dass nämlich das soziale Gefühl dem religiösen Gefühl zum Verwechseln ähnlich sieht. Es gleicht ihm wie ein falscher Diamant einem echten, so dass diejenigen sich wirklich täuschen lassen, die nicht die übernatürliche Gabe der Unterscheidung besitzen. Im übrigen ist die soziale und menschliche Teilnahme an den Sakramenten, insoweit sie Zeremonien und Symbole sind, etwas Vortreffliches und Heilsames, als eine Etappe, für alle diejenigen, deren Weg über diese Straße führt. Dennoch ist dies noch keine Teilnahme an den Sakramenten als solchen. Ich glaube, nur die, welche bereits über eine gewisse geistliche Stufe hinausgelangt sind, können an den Sakramenten als solchen teilhaben. Die sich unterhalb dieser Stufe befinden, gehören, was immer sie tun mögen, solange sie dieselbe noch nicht erreicht haben, nicht eigentlich der Kirche an.

       Was mich betrifft, so halte ich mich für jemanden, der unterhalb dieser Stufe steht. Und deshalb sagte ich Ihnen neulich, dass ich mich der Sakramente für unwürdig erachte. Diese Meinung entspringt nicht, wie Sie geglaubt haben, einer übertriebenen Bedenklichkeit. Sie gründet sich einerseits auf das Bewusstsein ganz bestimmter Verfehlungen im Bereich des Handelns und der Beziehungen zu den Mitmenschen, schwerer und sogar schändlicher Verfehlungen, die Sie gewiss selber als solche ansehen würden, und außerdem häufig begangener; anderseits, und mehr noch auf ein allgemeines Gefühl der Unzulänglichkeit. Dass ich so spreche, geschieht nicht aus Demut. Denn besäße ich die Tugend der Demut, vielleicht die schönste der Tugenden, so befände ich mich nicht in diesem kläglichen Zustand der Unzulänglichkeit.

       Um mit dem zu Ende zu kommen, was mich betrifft, so sage ich mir folgendes. Die Art von Hemmung, die mich außerhalb der Kirche festhält, hat ihre Ursache entweder in dem Zustand der Unvollkommenheit, in dem ich mich befinde, oder darin, dass meine Berufung und Gottes Wille dem entgeen sind. Im ersten Falle kann ich dieser Hemmung nicht unmittelbar abhelfen, sondern nur mittelbar, indem ich weniger unvollkommen werde, wenn die Gnade mir dazu hilft.  Hierzu genügt es, sich einerseits zu bemühen, die Verfehlungen im Bereich der natürlichen Dinge zu vermeiden, und anderseits mit immer größerer Aufmerksamkeit und Liebe an Gott zu denken. Ist es Gottes Wille, dass ich in die Kirche eintrete, so wird er mir diesen Willen in genau dem Augenblick auferlegen, in dem ich es verdiene, dass er ihn mir auferlegt.

       Ist es, in anderen Falle, jedoch sein Wille, dass ich nicht in sie eintrete, wie sollte ich eintreten? Ich weiß wohl, was Sie mir oft genug wiederholt haben, dass nämlich die Taufe der gewöhnliche Weg zum Heil ist -  zumindest in den christlichen Ländern – und dass es schlechthin keinen Grund gibt, warum ich einen besonderen Weg haben sollte. Das ist ofenkundig. Gesetzt jedoch den Fall, es stünde mir in der Tat nicht zu, diesen Weg zu beschreiten, was könnte ich dagegen tun? Wenn es vorstellbar wäre, dass man sich verdammt, indem man Gott gehorcht, und dass man sich rettet, indem man ihm nicht gehorcht, so wählte ich dennoch den Gehorsam.

       Mir scheint, es ist nicht Gottes Wille, dass ich gegenwärtig in die Kirche eintrete. Denn, wie ich Ihnen schon sagte, und wie es noch immer wahr ist, die Hemmung, die mich zurückhält, macht sich in den Augenblicken der Aufmerksamkeit, der Liebe und des Gebetes nicht weniger kräftig bemerkbar als in anderen Augenblicken. Und doch empfand ich eine sehr große Freude, als ich Sie sagen hörte, meine Gedanken, so wie ich sie Ihnen dargelegt habe, seien mit der Zugehörigkeit zur Kirche nicht unvereinbar, und ich stünde ihr also im Geiste nicht ferne.

       Ich kann nicht umhin, mich auch weiterhin zu fragen, ob es in diesen Zeiten, in denen ein so großer Teil der Menschheit im Materialismus versunken ist, nicht Gottes Wille ist, dass es einige Männer und Frauen gibt, die sich ihm und Christus ganz zu eigen gegeben haben und die dennoch außerhalb der Kirche bleiben.

 Jedenfalls ist, wenn ich mir den Akt meines Eintritts in die Kirche als etwas Tatsächliches vorstelle, das sich in naher Zukunft ereignen könnte, mir nichts so schmerzlich wie der Gedanke, mich von der ungeheuren und unglücklichen Masse der Ungläubigen zu trennen. Ich habe das tiefinnere Bedürfnis, ich glaube sagen zu dürfen: die Berufung, mein Leben unter den Menschen und in jeglicher menschlichen Umgebung so hinzubringen, dass ich mich durch nichts von ihnen unterscheide, dass ich ihre Farbe annehme – zumindest in dem vollen Ausmaße, als das Gewissen sich dem nicht widersetzt-, dass ich unter ihnen verschwinde, und zwar, damit sie sich so zeigen, wie sie sind und ohne sich mir gegenüber zu verstellen; weil ich sie kennen lernen möchte, um sie so zu lieben, wie sie sind. Denn wenn ich sie nicht liebe, so wie sie sind, dann liebe ich nicht sie, und meine Liebe ist nicht wahr. Ich spreche nicht davon, ihnen zu helfen, denn dazu bin ich bis jetzt leider gänzlich außerstande. Ich denke, dass ich unter keinen Umständen je in einen religiösen Orden eintreten würde, weil ich mich nicht durch eine Tracht von der Masse der gewöhnlichen Menschen trennen möchte. Es gibt Menschen, für die diese Trennung nicht nachteilig ist, weil sie durch die natürliche Reinheit ihrer Seele bereits von der Masse der gewöhnlichen Menschen getrennt sind. Ich hingegen – ich glaube, es ihnen schon gesagt zu haben -, ich trage in mir selbst den Keim zu allen oder doch fast allen Verbrechen. Das ist mir namentlich auf einer Reise deutlich geworden, unter Umständen, die ich Ihnen erzählt habe. Die Verbrechen flößten mir Entsetzen ein, aber sie überraschten mich nicht; ich fühlte ihre Möglichkeit in mir selbst; ja gerade weil ich ihre Möglichkeit in mir selbst fühlte, flößten sie mir Entsetzen ein. Diese natürliche Veranlagung ist gefährlich und sehr schmerzlich, aber wie jede Art natürlicher Veranlagung kann sie zum Guten dienen, wenn man mit Hilfe der Gnade den rechten Gebrauch davon zu machen versteht. Sie schließt eine Berufung ein, diese nämlich: gewissermaßen anonym zu bleiben, so beschaffen, dass man sich in jedem beliebigen Augenblick mit dem Teig der allgemeinen Menschheit vermengen kann. Nun befinden sich aber heutzutage die Geister in einer solchen Verfassung, dass zwischen einem praktizierenden Katholiken und einem Ungläubigen eine ausdrückliche Schranke, eine größere Trennung besteht als zwischen dem Angehörigen eines Ordens und einem Laien.

       Ich weiß wohl, dass Christus gesagt hat: „Wer sich meiner schämt vor den Menschen, dessen werde ich mich schämen vor meinem Vater.“ Aber sich Christi schämen, das bedeutet vielleicht nicht für alle und nicht in jedem Fall, dass man der Kirche nicht angehört. Für einige bedeutet dies vielleicht nur, dass sie die Gebote Christi nicht befolgen, dass sie seinen Geist nicht ausstrahlen, seinen Namen nicht ehren, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, und dass sie nicht bereit sind, aus Treue zu ihm zu sterben.

       Ich schulde Ihnen die Wahrheit, auch auf die Gefahr hin, Sie zu kränken, und obgleich es mir äußerst schmerzlich ist, Sie zu kränken. Ich liebe Gott, Christus und den katholischen Glauben, soweit es einem so kläglich unzulänglichen Wesen wie mir ansteht, sie zu lieben. Ich liebe die Heiligen durch ihre Schriften und ihre Lebensbeschreibungen hindurch – einige ausgenommen, bei denen es mir unmöglich ist, sie völlig zu lieben oder sie als Heilige zu betrachten. Ich liebe sechs oder sieben Katholiken von echter Spiritualität, mit denen der Zufall mich im Laufe meines Lebens zusammengeführt hat. Ich liebe die Liturgie, die Gesänge, die Baudenkmäler, die Riten und Zeremonien des Katholizismus. Aber ich besitze keinerlei Liebe zur Kirche im eigentlichen Sinne, außerhalb ihrer Beziehung zu all diesen Dingen, die ich liebe. Ich bin imstande, mit denen, die diese Liebe besitzen, zu sympathisieren, aber selber empfinde ich sie nicht. Ich weiß wohl, dass alle Heiligen sie empfunden haben. Aber sie waren auch fast alle innerhalb der Kirche geboren und auferzogen worden. Wie dem auch sei, man kann sich keine Liebe aus eigenem Willen verschaffen. Alles, was ich sagen kann, ist, dass ich, falls diese Liebe eine Vorbedingung des geistlichen Fortschritts darstellt, was ich nicht weiß, oder falls sie zu meiner Berufung gehört, begehre, dass sie mir eines Tages gewährt werden möge.

       Es mag wohl sein, dass die Gedanken, die ich Ihnen hier dargelegt habe, zum Teil trügerisch und schlecht sind. Doch in einem gewissen Sinne kümmert mich das wenig: ich will nicht mehr prüfen; denn am Ende all dieser Erwägungen bin ich zu einem Schluss gelangt, nämlich zu dem schlechten und rechten Entschluss, mich jedes weiteren Gedankens über meinen möglichen Eintritt in die Kirche zu entschlagen.

       Es ist durchaus möglich, dass ich, nachdem Wochen, Monate oder Jahre ohne den geringsten Gedanken daran vergangen sind, eines Tages plötzlich den unwiderbringlichen Antrieb verspüre, unverzüglich die Taufe zu erbitten, und hineile, sie zu erbitten. Denn das Wirken der Gnade in den Herzen geschieht im Verborgenen und in der Stille.

       Vielleicht auch endet mein Leben, ohne dass ich diesen Antrieb jemals empfunden habe. Eines aber ist unumstößlich gewiss. Nämlich dass, wenn einmal der Tag kommt, an dem ich Gott genugsam liebe, um die Gnade der Taufe zu verdienen, diese Gnade mir an dem gleichen tag unfehlbar zuteil wird, in der Gestalt, die Gott gefällt, sei es nun durch die Taufe im eigentlichen Sinne oder auf irgendeine andere Weise. Warum also sollte ich mir Sorgen machen? Es ist nicht meine Angelegenheit, an mich zu denken. Meine Angelegenheit ist es, an Gott zu denken. Es ist Gottes Sache, an mich zu denken.

       Dieser Brief ist recht lang geworden. Abermals werde ich Ihre Zeit über Gebühr in Anspruch genommen haben. Ich bitte Sie dafür um Vergebung. Meine Entschuldigung ist, dass er, wenigstens vorläufig, einen Abschluss darstellt.

       Seien Sie meiner aufrichtigsten Dankbarkeit versichert.

                                                                   Simone Weil

 

 

Mein lieber Pater Perrin,

dies ist eine Nachschrift zu dem Brief, von dem ich Ihnen sagte, dass er vorläufig einen Abschluss darstellte. Ich hoffe Ihretwegen, dass sie die einzige bleibt. Ich fürchte sehr, Sie zu belästigen. Sollte dies der Fall sein, so schreiben Sie es bitte sich selber zu. Es ist nicht meine Schuld, wenn ich mich verpflichtet glaube, Ihnen über meine Gedanken Rechenschaft abzulegen.

       Die Hindernisse intellektueller Natur, die mich bis in die jüngstvergangene Zeit an der Schwelle der Kirche zurückgehalten hatten, können allenfalls als beseitigt gelten, sobald Sie sich nicht weigern, mich so hinzunehmen, wie ich bin. Dennoch bleiben noch manche Hindernisse bestehen.

       Nach reiflicher Überlegung glaube ich, dass sie sich auf folgendes zurückführen lassen: Was mich abschreckt, ist die Kirche als soziale Einrichtung. Nicht nur wegen ihrer Makel, sondern eben weil sie unter anderem auch eine soziale Einrichtung ist. Nicht als ob ich meinem Temperament nach ein ausgesprochener Individualist wäre. Ich fürchte mich aus dem entgegengesetzten Grunde. Ich habe eine starke Neigung zum Herdentier in mir. Ich bin meiner natürlichen Veranlagung nach äußerst beeinflussbar und vor allem für kollektive Einflüsse übermäßig empfänglich. Ich weiß, dass, wenn ich in diesem Augenblick zwanzig junge Deutsche vor mir hätte, die im Chor ihre Nazilieder absängen, ein Teil meiner Seele unverzüglich von dem Nazismus angesteckt würde. Das ist eine sehr große Schwäche. Aber so bin ich nun einmal. Ich glaube, es nützt nichts, seine natürlichen Schwächen unmittelbar zu bekämpfen. Man soll sich Gewalt antun, um unter jenen Umständen, wo eine Pflicht dies streng gebietet, so zu handeln, als besäße man sie nicht; und unter den gewöhnlichen Lebensverhältnissen soll man sie auf das genaueste kennen, sie behutsam berücksichtigen und sich bemühen, sie recht zu gebrauchen, denn sie sind alle eines guten Gebrauches fähig.

       Ich fürchte jenen Kirchenpatriotismus, der in katholischen Kreisen herrscht. Unter Patriotismus verstehe ich hier jenes Gefühl, das man einem irdischen Vaterland entgegenbringt. Ich fürchte ihn, weil ich fürchte, seiner Ansteckungsgefahr zu erliegen. Nicht, als ob mir die Kirche unwürdig erschiene, ein solches Gefühl einzuflößen. Sondern weil ich meinerseits kein Gefühl dieser Art besitzen will. Das Wort „wollen“ ist nicht ganz das richtige. Ich weiß, ich fühle mit Bestimmtheit, dass jedes Gefühl dieser Art, gleichviel welchem Gegenstand es gilt, für mich unheilvoll ist.

       Es hat Heilige gegeben, die die Kreuzzüge, die Inquisition gebilligt haben. Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass sie unrecht gehabt haben. Ich kann das Licht des Gewissens nicht verwerfen. Wenn ich glaube, dass ich in einem Punkte klarer sehe als sie –ich, die so unendlich unter ihnen steht -, dann muss ich annehmen, dass sie bezüglich dieses Punktes von etwas sehr  Mächtigem verblendet worden sind. Dieses Etwas ist die Kirche als soziale Einrichtung. Wenn diese soziale Einrichtung ihnen geschadet hat, welchen Schaden würde sie mir erst zufügen, die ich durch die sozialen Einflüsse in besonderem Grade verletzbar und beinahe unendlich viel schwächer bin als sie!

       Man hat niemals etwas gesagt oder geschrieben, das von so weitreichender Bedeutung wäre wie die Worte des Teufels zu Christus bei Lukas über die Reiche dieser Welt: „Diese Macht will ich dir alle geben und ihre Herrlichkeit, denn sie ist mir überlassen, mir und jedem, dem ich sie mitteilen will." Hieraus ergibt sich, dass das Soziale unaufhebbar der Herrschaftsbereich des Teufels ist. Das Fleisch treibt uns, ich zu sagen, und der Teufel treibt uns, wir  zu sagen; oder auch, wie die Diktatoren, ich  mit einer kollektiven Bedeutung zu sagen. Und, in Übereinstimmung mit seiner eigentlichen Sendung, erfindet der Teufel eine schlechte Nachahmung des Göttlichen, einen „Ersatz“ des Göttlichen.

       Unter dem Sozialen verstehe ich hier nicht etwa alles, was sich auf ein Vaterland bezieht, sondern nur die Kollektivgefühle.

       Ich weiß, es ist unvermeidlich, das die Kirche auch eine soziale Einrichtung ist; andernfalls könnte sie gar nicht existieren, Aber insoweit sie eine soziale Einrichtung ist, untersteht sie der Herrschaft des Fürsten dieser Welt. Eben wie sie ein Organ zur Bewahrung und Vermittlung der Wahrheit ist, liegt darin eine äußerste Gefahr für jene, die wie ich der Verletzung durch die sozialen Einflüsse übermäßig ausgesetzt sind. Denn da derart das Reinste und das Befleckendste einander ähnlich sehen und unterschiedslos mit den gleichen Worten bezeichnet werden, so bilden sie eine fast unauflösliche Mischung.

       Es gibt ein katholisches Milieu, wo man bereit ist, jeden Eintretenden auf das herzlichste zu empfangen. Ich will aber nicht von einem Milieu aufgenommen werden, ich will nicht in einem Milieu wohnen, wo man „wir“ sagt, und ein Teil dieses „wir“ sein; ich will in keinem menschlichen Milieu, gleichviel welchem, zu Hause sein. Wenn ich sage, ich will nicht, so drücke ich mich ungeschickt aus, denn ich wollte es gerne; dies alles ist köstlich. Aber ich fühle, dass mir dies nicht erlaubt ist. Ich fühle, dass es für mich notwendig ist, dass es mir vorgeschrieben ist, einsam zu bleiben, eine Fremde und Verbannte hinsichtlich jedes beliebigen menschlichen Milieus ohne Ausnahme.

       Das scheint dem zu widersprechen, was ich Ihnen von meinem Bedürfnis schrieb, in jedem beliebigen menschlichen Milieu, durch das mich mein Weg führt, aufzugehen, darin zu verschwinden; in Wirklichkeit aber ist dies der gleiche Gedanke; darin verschwinden heißt nicht, daran teilhaben, und die Fähigkeit, in jedem aufgehen zu können setzt eben voraus, dass ich an keinem teilhabe.

       Ich weiß nicht, ob es mir gelingt, Ihnen diese kaum ausdrückbaren Dinge begreiflich zu machen.

       Diese Erwägungen betreffen diese Welt, und sie scheinen erbärmlich, wenn man dem gegenüber den übernatürlichen Charakter der Sakramente bedenkt. Aber eben das fürchte ich in mir: die unreine Vermengung des Übernatürlichen mit dem Schlechten.

       Der Hunger ist gewiss ein weniger vollständiges Verhältnis zur Nahrung, aber dennoch ein ebenso wirkliches wie der Akt des Essens.

       Es ist vielleicht nicht gänzlich undenkbar, dass bei einem Wesen mit gewissen natürlichen Anlagen, einem gewissen Temperament, einer gewissen Vergangenheit, einer gewissen Berufung und so weiter, das Verlangen nach den Sakramenten und die Enthaltung von ihnen eine noch reinere Berührung darstellen könnte als die Teilnahme.

       Ich weiß keineswegs, ob dies für mich zutrifft oder nicht. Ich weiß wohl, dass dies etwas Außergewöhnliches wäre, und es erscheint mir immer als eine wahnwitzige Vermessenheit, anzunehmen, man könne eine Ausnahme sein. Aber eine solche Ungewöhnlichkeit kann sehr wohl, nicht in einer Überlegenheit, sondern in einer Unterlegenheit den andern gegenüber ihren Grund haben. Ich glaube, dass dies mein Fall wäre.

       Wie dem auch sei (und wie ich Ihnen bereits sagte), im Augenblick glaube ich keinesfalls, einer wahrhaften Berührung mit den Sakramenten fähig zu sein, sondern nur der Ahnung, dass eine solche Berührung möglich ist. Um so weniger kann ich gegenwärtig wirklich wissen, welches Verhältnis zu ihnen für mich angemessen ist.

       Es gibt Augenblicke, in denen ich versucht bin, mich dieserhalb gänzlich Ihnen anheim zu stellen und Sie zu bitten, für mich zu entscheiden. Aber zu guter Letzt kann ich es doch nicht. Ich habe kein Recht dazu.

       Ich glaube, in Angelegenheiten von sehr großer Wichtigkeit überwindet man die Hindernisse nicht. Man betrachtet sie unverwandt, so lange, wie es nötig ist, bis sie, falls sie auf einer Täuschung beruhen, verschwinden. Was ich hier Hindernisse nenne, ist etwas anderes als jene Art Trägheit, die bei jedem Schritt auf das Gute hin zu überwinden ist. Diese Trägheit kenne ich aus Erfahrung. Die Hindernisse sind etwas völlig anderes. Wenn man sie überwinden will, ehe sie verschwunden sind, so setzt man sich ähnlichen Kompensationserscheinungen aus wie die, auf welche, wenn ich nicht irre, jene Stelle des Evangeliums anspielt, wo von einem Manne die Rede ist, von dem ein Teufel ausfuhr, um nachher mit sieben anderen Teufeln zurückzukehren.

       Die bloße Vorstellung, ich könnte, falls ich die Taufe empfangen hätte, jemals in einer anderen als der gebotenen Verfassung sein, jemals später auch nur einen einzigen Augenblick lang eine einzige innere Regung des Bedauerns haben – diese Vorstellung ist mir entsetzlich. Selbst wenn ich die Gewissheit hätte, dass die Taufe die unerlässliche Vorbedingung des Heiles wäre, so wollte ich mich dennoch nicht meines Heiles wegen dieser Gefahr aussetzen. Ich würde die Enthaltung wählen, solange ich nicht überzeugt wäre, dass diese Gefahr nicht besteht. Und eine derartige Überzeugung hat man nur dann, wenn man denkt, dass man aus Gehorsam handelt. Nur den Gehorsam kann die Zeit nicht verletzen.

       Wenn ich mein ewiges Heil vor mir auf diesem Tisch liegen hätte und ich nur die Hand auszustrecken brauchte, um es zu erlangen, so streckte ich die Hand so lange nicht aus, als ich nicht dächte, den Befehl dazu empfangen zu haben. Zumindest möchte ich das glauben. Und wenn es statt des meinen das ewige Heil aller vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Menschen wäre – ich weiß, dass ich ebenso handeln müsste. In diesem Falle würde es mich schmerzen. Aber wenn es nur um mich ginge, so scheint mir beinahe, dass es mir nicht schmerzlich wäre. Denn ich begehre nichts anderes als den Gehorsam in seiner ganzen Fülle, das heißt: bis zum Kreuz.

       Dennoch habe ich kein Recht, so zu sprechen. Wenn ich so spreche, lüge ich. Denn wenn ich dies begehrte, so würde es mir auch zuteil; und tatsächlich kommt es dauernd vor, dass ich Tag um Tag verstreichen lasse, ohne offenkundige Pflichten, die ich auch als solche empfinde, zu erfüllen: an sich leicht und einfach auszuführende und wegen ihrer für die anderen möglichen Folgen wichtige Pflichten.

       Doch es würde zu weit führen und uninteressant sein, Sie mit meinen Erbärmlichkeiten zu behelligen. Und es wäre gewiss von geringem Nutzen. Ausgenommen allerdings, dass es Sie verhindern könnte, sich bezüglich meiner zu irren.

       Seien Sie stets meiner aufrichtigsten Dankbarkeit versichert. (Sie wissen, denke ich, dass dies keine bloße Redensart ist.)

                                                         Simone Weil

 

 

 



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