fabriktagebuch

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Simone Weil

 

Fabrikarbeit und Menschenwürde

 

Liebe Albertine

 

[…] In meinem ersten Betrieb. Stelle Dir einen großen Ofen vor, der Flammen und Heißluft speit, die mir direkt ins Gesicht fahren. Das Feuer kommt aus fünf oder sechs Löchern am unteren Teil des Ofens. Ich stelle mich gerade davor, um etwa 30 schwere Kupferspulen hineinzuschieben, die eine italienische Arbeiterin mit mutigem und offenem Gesicht neben mir herstelle; diese Spulen sind für Straßenbahnen und Metro bestimmt. Ich muss aufpassen, das keine Spule in eins der Löcher fällt, denn dort würden sie schmelzen; daher muss ich mich direkt vor den Ofen stellen, und niemals darf der Schmerz der Heißluft auf meinem Gesicht und des Feuers auf meinen Armen (ich trage noch deren Zeichen) mich zu einer falschen Bewegung verleiten. Ich senke die Ofenklappe, warte einige Minuten, hebe die Klappe, ziehe mit einem Haken die rotglühenden Spulen rasch zu mir (denn sonst würden die zuletzt herausgezogenen zu schmelzen anfangen) und achte darauf, dass keine falsche Bewegung eine Spule in eins der Löcher fallen lässt. Und dann fängt es von neuem an. Mir gegenüber sitzt ein Schweißer, mit blauer Brille und ernstem Gesicht arbeitet er, sorgfältig; jedesmal, wenn der Schmerz  mein Gesicht verzerrt, grüßt er mich mit einem traurigen Lächeln, voll brüderlicher Sympathie, das für mich eine unbeschreibliche Wohltat ist. Auf der anderen Seite arbeitet eine Gruppe von Kesselschmieden an großen Tischen; brüderlich ausgeführte Gruppenarbeit, mit Sorgfalt und ohne Hast; sehr qualifizierte Arbeit, die zu rechnen, komplizierte Pläne zu lesen, Begriffe der beschreibenden Geometrie anzuwenden erfordert. Weiter entfernt schlägt ein kräftiger Bursche mit dem Hammer auf Eisenstangen, was einen schädelsprengenden Lärm erzeugt. Dies alles in einer Ecke am äußersten Ende der Werkhalle, wo man sich wie zu Hause fühlt, wo Vorarbeiter und Meister sozusagen nie hinkommen. Ich habe dort viermal 2 oder 3 Stunden verbracht (ich verdiente 7 bis 8 F in der Stunde – und das zählt, Du kannst es mir glauben!). Das erste Mal verlor ich nach eineinhalb Stunden durch Hitze, Ermüdung, Schmerzen die Kontrolle über meine Bewegungen; ich konnte die Ofenklappe nicht mehr senken. Als er das sah, kam sogleich einer der Kesselschmiede (allesamt feine Kerle) herbei, um den Handgriff an meiner Stelle zu tun. Wenn ich es könnte, würde ich sofort in diese kleine Ecke der Werkhalle zurückkehren (oder zumindest, sobald ich wieder bei Kräften bin). An jenen Abenden verspürte ich die Freude ein Brot zu essen, das man verdient hat.

Aber in meinem Experiment des Fabriklebens war dies einzigartig. Für mich bedeutete die Fabrikarbeit, dass alle äußeren Gründe (vorher hatte ich sie als innere angesehen), auf denen das Gefühl meiner Würde, die Achtung meiner selbst beruhten, in zwei oder drei Wochen radikal zerbrachen unter der Gewalt eines täglichen brutalen Zwanges. Und ich glaube nicht, dass dies in mir Revoltegefühle hervorrief, nein, ganz im Gegenteil, was ich am allerwenigsten von mir erwartet hätte – Fügsamkeit. Die Fügsamkeit eines ergebenen Lasttiers. Es schien mir, ich wäre geboren, um auf Befehle zu warten, sie zu empfangen und auszuführen – ich hätte nie etwas anderes getan und würde immer nur dies tun. Ich bin gewiss nicht stolz, dies einzugestehen. Über diese Art Leiden spricht kein Arbeiter: allein daran zu denken, ist überaus schmerzlich. Als die Krankheit mich aufzuhören zwang, wurde ich mir der Erniedrigung bewusst, in die ich gestürzt war; ich schwor mir, diese Existenz bis zu jenem Tage zu erdulden, an dem es mir, ihr zum Trotz, gelingen würde, wieder zu mir selbst zu finden. Ich heilt das Versprechen. Langsam, qualvoll eroberte ich, quer durch die Sklaverei, das Gefühl meiner Menschenwürde zurück, ein Gefühl, das sich jetzt auf nichts Äußeres mehr gründet und stets von dem Bewusstsein begleitet ist, dass mir nichts zusteht, dass jeder Augenblick ohne Leid und ohne Erniedrigung wie eine Gnade wahrgenommen werden muss, wie die Wirkung günstiger Zufälle. […]

Ein Lächeln, ein gütiges Wort, ein Augenblick menschlichen Kontaktes, die durch all dies hindurchscheinen, sind wertvoller als die ausgreifenden Freundschaften unter den großen oder kleinen Privilegierten. Dort allein weiß man, was Brüderlichkeit bedeutet. Aber es gibt nur wenige, sehr wenige solcher Zeichen. Meist spiegeln selbst die Beziehungen zwischen Arbeiterkollegen die Härte, die dort drinnen alles beherrscht.

 

Aus: Fabriktagebuch 1934 - 35



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