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Simone Weil

 

Vom Wesen der Freundschaft

 

Es gibt eine Form der persönlichen Liebe zwischen Menschen, die rein ist und die eine Vorahnung und einen Abglanz der göttlichen Liebe in sich trägt. Das ist die Freundschaft, vorausgesetzt, man verwende dieses Wort nur in seinem strengsten Sinne. […] Die Freundschaft ist eine übernatürliche Harmonie, eine Vereinigung der Gegensätze. […]

Wenn ein Mensch an einen anderen durch eine Zuneigung gebunden ist, in der ein beliebiger Grad von Notwendigkeit enthalten ist, so ist es unmöglich, dass er zugleich seine eigene Autonomie und die des anderen zu wahren wünscht. Unmöglich kraft des Mechanismus der Natur. Möglich jedoch durch die wunderbare Dazwischenkunft des Übernatürlichen. Dieses Wunder ist die Freundschaft.

„Die Freundschaft ist eine Gleichheit aus harmonischer Übereinstimmung“, sagten die Pythagoreer. Sie ist Harmonie, weil hier die übernatürliche Einheit zweier Gegensätze verwirklicht ist, nämliche der Notwendigkeit und der Freiheit, dieser beiden Gegensätze, die Gott bei Erschaffung der Welt und der Menschen miteinander verbunden hat. Und es besteht Gleichheit in der Freundschaft, weil hier jeder das Vermögen zur freien Zustimmung bei sich selbst wie bei dem anderen zu erhalten wünscht. […]

Eine gewisse Gegenseitigkeit gehört zum Wesen der Freundschaft. Fehlt es auf der einen Seite an jedem Wohlwollen, so muss der andere die Zuneigung in sich selbst unterdrücken, aus Achtung vor der Freiheit der Zustimmung, die zu beeinträchtigen er kein Verlangen tragen darf. Fehlt es auf der einen Seite an Achtung vor der Autonomie des anderen, so muss dieser das Band aus Selbstachtung zerschneiden. Ebenso kann, wer die Knechtschaft hinnimmt, keine Freundschaft erlangen. Die in der Bindung durch die Zuneigung beschlossene Notwendigkeit kann jedoch unter Umständen nur einseitig sein; dann handelt es sich auch nur um eine einseitige Freundschaft, wenn man das Wort in einem wirklich strengen und genauen Verstande nimmt. […]

Unrein ist jede Freundschaft, in der sich auch nur eine Spur des Verlangens, zu gefallen, oder des umgekehrten Verlangens findet. In der vollkommenen Freundschaft sind diese beiden Begehrungen gänzlich abwesend. Die beiden Freunde willigen völlig darin ein, das sie zwei und nicht einer sind; sie achten den Abstand, der zwischen ihnen gesetzt ist, weil sie zwei unterschiedliche Geschöpfe sind. Mit Gott allein darf der Mensch nach einer unmittelbaren Einung trachten.

Die Freundschaft ist das Wunder, durch welches ein menschliches Wesen einwilligt, eben jenes andere Wesen, das ihm wie eine Nahrung unentbehrlich ist, aus der Ferne zu betrachten, ohne sich ihm zu nähern. […]

Kraft dieser übernatürlichen Tugend der Ehrfurcht vor der menschlichen Autonomie besitzt die Freundschaft eine große Ähnlichkeit mit den Formen des Mitleids und der Dankbarkeit, wie sie das Unglück hervorruft. In beiden Fällen sind die Gegensätze, die die beiden Glieder der Harmonie bilden, die Notwendigkeit und die Freiheit oder auch die Unterordnung und die Gleichheit. Diese beiden Gegensatzpaare sind gleichwertig.

Weil die reine Freundschaft weder das Verlangen, zu gefallen, noch das umgekehrte Verlangen kennt, darum besteht in ihr gleichzeitig mit der Zuneigung so etwas wie eine völlige Gleichgültigkeit. Obwohl sie ein Band zwischen zwei Personen ist, hat sie etwas Unpersönliches. Sie verringert nicht die Unparteilichkeit. Sie hindert uns in nichts, die Vollkommenheit des himmlischen Vaters nachzuahmen, der Regen und Sonnenschein überallhin austeilt. Im Gegenteil, die Freundschaft und diese Nachahmung bedingen einander gegenseitig, wenigstens in den meisten Fällen. Da nämlich jedes Wesen oder doch fast jedes an andere durch Bande der Zuneigung gebunden ist, in denen ein gewisser Grad von Notwendigkeit beschlossen liegt, so kann es sich der Vollkommenheit nur dadurch nähern, dass es diese Zuneigung in Freundschaft umwandelt. Die Freundschaft hat etwas Allumfassendes. Sie besteht darin, dass man ein menschliches Wesen liebt, wie man von allen, aus denen das menschliche Geschlecht sich zusammensetzt, jeden Einzelnen im besonderen lieben können möchte. […] Die Einwilligung in die Bewährung der Autonomie bei einem selbst wie bei dem anderen ist ihrem Wesen nach etwas Allgemeingültiges. Sobald man diese Bewahrung bei mehr als einem Wesen begehrt, begehrt man sie bei allen Wesen; denn da hört man auf, die Weltordnung um einen irdischen Mittelpunkt kreisen zu lassen. Man verlegt den Mittelpunkt über die Himmel hinaus.

Die Freundschaft hat diese Wirkung nicht, wenn die beiden Liebenden, infolge eines unrechtmäßigen Gebrauches der Zuneigung, nur ein Wesen zu sein glauben. Aber dann handelt es sich auch nicht um Freundschaft im wahren Sinne des Wortes. Dies ist sozusagen eine ehebrecherische Vereinigung, auch dann, wenn sie unter Gatten stattfindet. Um Freundschaft handelt es sich nur dort, wo man den Abstand einhält und achtet […]

Da Christus kurz vor seinem Abscheiden dieses Wort den Geboten der Nächstenliebe und der Gottesliebe als ein neues Gebot hinzugefügt hat, so darf man wohl vermuten, dass die reine Freundschaft gleich der Nächstenliebe etwas wie ein Sakrament in sich schließt. Vielleicht hat Christus dies hinsichtlich der  christlichen Freundschaft andeuten wollen, als er sagte: „Wenn zwei oder drei von euch versammelt sind in meinem Namen, so bin ich unter ihnen.“ [Mt 18,20] Die reine Freundschaft ist ein Bild der ursprünglichen und vollkommenen Freundschaft, wie sie der Trinität eignet und wie sie das innerste Wesen Gottes ausmacht. Ohne die Gegenwart Gottes in jedem von beiden ist es unmöglich, dass zwei menschliche Wesen eines sind und dennoch auf das gewissenhafteste den trennenden Abstand zwischen sich einhalten. Der Schnittpunkt der Parallelen liegt im Unendlichen.

 

Aus: Das Unglück und die Gottesliebe 1941/42

 

 

 

 

Simone Weil

 

Das transparente Geheimnis der Freundschaft

 

Wendet man auf die Menschen den Satz „Die Freundschaft ist eine aus Harmonie geschaffene Gleichheit“ an, hat Harmonie den Sinn von Einheit der Gegensätze. Die Gegensätze sind ich und der Andere, Gegensätze, so verschieden, dass sie ihre Einheit nur in Gott haben. Die Freundschaft zwischen menschlichen Wesen und die Gerechtigkeit ist ein und dieselbe Sache, außer in den Fällen, in denen die Gerechtigkeit durch die Umstände von außen her auferlegt ist. Auch Platon weist im „Gastmahl“ auf diese Wesensgleichheit zwischen der vollkommenen Gerechtigkeit und der Liebe hin. Das Evangelium gebraucht, handelt es sich um Beziehungen zwischen Menschen, unterschiedslos die Worte Gerechtigkeit und Liebe in der gleichen Bedeutung; das Wort Gerechtigkeit wird dabei mehrmals im Sinn von Almosen gebraucht. Die, denen Christus dafür dankt, dass sie ihm zu essen gegeben hatten, da er hungerte, werden die Gerechten genannt. Zwei vollkommene Freunde sind zwei Menschen, die in zahlreichen Beziehungen während eines beträchtlichen Teils ihres Lebens gegeneinander immer vollkommen gerecht sind. Ein Akt von Gerechtigkeit ist ein Aufblitzen von Freundschaft, die eine flüchtige Gelegenheit zwischen zwei Menschen aufbrechen lässt. Gibt es eine einseitige Gerechtigkeit, ist sie wie verstümmelt. In jeder der drei durch den Begriff Freundschaft aufgezeigten Beziehungen ist Gott immer Mittler. Er ist Mittler zwischen sich und sich selbst. Er ist Mittler zwischen sich und dem Menschen. Er ist Mittler zwischen einem Menschen und einem anderen Menschen. Gott ist wesentlich Mittlerschaft. Gott ist das einzige Harmonieprinzip. Deshalb geziemt der Gesang für seine Lobpreisung. Mit dem Satz „Wenn zwei oder drei von euch in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen“, hat Christus seinen Jüngern darüber hinaus das unendlich kostbare Gut der menschlichen Freundschaft versprochen. Aber an welchem Punkte des Raumes und der Zeit auch immer sich zwei wahre Freunde finden – eine äußerst seltene Sache -, ist Christus unter ihnen, wie auch der Name des Gottes sei, den sie anrufen. Jede wahre Freundschaft geht durch Christus.

 

Aus: Vorchristliche Schau 1941/42

 

 

 

 

 



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