manichaeismus

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Aus:

Rudolf Steiner

„Die Tempellegende und die Goldene Legende“

GA 93



DER MANICHÄISMUS


Berlin, 11. November 1904



Wir haben ja wunschgemäß etwas über Freimaurerei zu sprechen. Diese kann man aber nicht verstehen, bevor nicht die ursprünglichen Geistesströmungen betrachtet werden, die mit der Freimaurerei in der Weise in Zusammenhang stehen, dass die Freimaurerei sozusagen aus ihnen hervorgegangen ist. Eine noch wichtigere Geistesströmung als die der Rosenkreuzer war die des Manichäismus. Wir müssen also eigentlich zuerst über diese viel wichtigere Bewegung sprechen und können dann später einmal auch auf die Freimaurerei ein Licht werfen.


Was ich dazu zu sagen habe, hängt zusammen mit verschiedenen Dingen, die in das gegenwärtige und zukünftige Geistesleben hineinspielen. Und um Ihnen zu zeigen, dass man, wenn man in diesen Gebieten tätig ist, immerfort auf etwas Bezug nehmen muss, wenn auch versteckt, so möchte ich nur einleitend darauf hinweisen, dass ich bei wiederholter Gelegenheit das Faust-Problem als ein besonders wichtiges für das neue Geistesleben bezeichnet habe. Und darum ist auch im ersten Heft des „Luzifer“ die moderne Geistesbewegung mit dem Faust-Problem in Zusammenhang gebracht. So wie ich es in meinem „Luzifer“-Aufsatz gebracht habe, ist nicht ohne eine gewisse Begründung auf das Faust Problem angespielt.


Um die Dinge, um die es sich dabei handelt, in Zusammenhang zu bringen, müssen wir also zunächst ausgehen von einer Geistesrichtung, die uns geschichtlich zuerst entgegentritt etwa im 3. Jahrhundert. Es ist dies jene Geistesrichtung, die ihren großen Bekämpfer im heiligen Augustinus gefunden hat, trotzdem er, bevor er zur katholischen Kirche übergetreten ist, Anhänger dieser Richtung war. Wir müssen sprechen über den Manichäismus, der durch eine Persönlichkeit begründet wurde, die sich selbst als Mani bezeichnete und etwa im 3. Jahrhundert nach Christi Geburt lebte. Ausgegangen ist die Bewegung von einer Gegend, die damals beherrscht wurde von den Königen Vorderasiens; sie ist also von den Gegenden des westlichen Kleinasien ausgegangen. Dieser Mani begründete eine Geistesströmung, die ja zuerst eine kleine Sekte umfasste, die aber zu einer mächtigen Geistesströmung wurde. Die mittelalterlichen Albigenser, Waldenser und Katharer sind die Fortsetzung dieser Geistesströmung, zu der auch der ja noch für sich zu besprechende Templerorden und ebenso – durch eine merkwürdige Verkettung der Verhältnisse – das Freimaurertum gehören. Hier hinein gehört das Freimaurertum eigentlich, obgleich es sich mit anderen Strömungen, zum Beispiel dem Rosenkreuzertum verbunden hat.


Die äußere Geschichte, die und von Mani erzählt wird, ist höchst einfach. *


Es wird gesagt, dass in den Gegenden Vorderasiens ein Kaufmann lebte, der außerordentlich gelehrt war. Er verfasste vier bedeutsame Schriften: erstens die Mysteria, zweitens die Capitola, drittens das Evangelium, viertens den Thesaurus. Ferner wird erzählt, dass er bei seinem Tod diese Schriften hinterlassen habe seiner Witwe, die eine Perserin war. Diese Witwe wiederum hinterließ sie einem Sklaven, den sie losgekauft und freigelassen habe. Der sei der besagte Mani gewesen, der dann aus diesen Schriften seine Weisheit gezogen habe, aber außerdem in die Mysterien des Mithrasdienstes eingeweiht gewesen war. Er hat dann diese Bewegung des Manichäismus ins Leben gerufen. Man nennt den Mani auch den „Sohn der Witwe“ und seine Anhänger die „Söhne der Witwe“. Er selbst aber, Mani, bezeichnete sich als „Paraklet“, als den von Christus der Menschheit versprochenen Heiligen Geist. Nun ist das so aufzufassen, dass er sich bezeichnete als eine Inkarnation jenes Heiligen Geistes; nicht etwa meinte er, dass er der alleinige Heilige Geist sei. Er stellte sich vor, dass dieser Heilige Geist in Wiederverkörperungen erscheint und bezeichnete sich als eine solche Wiederverkörperung des Geistes.


Die Lehre, die er verkündigte, wurde von Augustinus, als dieser zur katholischen Kirche übergetreten war, in der lebhaftesten Weise bekämpft. Augustinus stellte seine katholische Anschauung der manichäischen Lehre gegenüber, die er durch eine Persönlichkeit vertreten lässt, die er Faustus nennt. Faustus ist im Sinne des Augustines der Kämpfer gegen das Christentum. Hier liegt der Ursprung des goetheschen Faust mit seiner Anschauung des Bösen. Der Name „Faust“ geht zurück bis auf diese alte augustinische Lehre.


Man erfährt von der manichäischen Lehre gewöhnlich, dass sie sich vom abendländischen Christentum unterscheide durch ihre andere Auffassung des Bösen. Während das katholische Christentum der Ansicht sei, dass das Böse beruhe auf einem Abfall vom göttlichen Ursprung, auf einem Abfall ursprünglich guter Geister von Gott, so lehre der Manichäismus, dass das Böse ebenso ewig sei wie das Gute; dass es keine Auferstehung des Leibes gebe und dass das Böse als solches kein Ende nähme. Es habe also keinen Anfang, sondern sei gleichen Ursprungs mit dem guten, und habe auch kein Ende.


Wenn sie in dieser Weise den Manichäismus kennenlernen, so erscheint er allerdings wie etwas radikal Unchristliches und wie etwas ganz Unverständliches.


Nun wollen wir der Sache auf den Grund gehen nach den Traditionen, die von dem Mani selbst herrühren sollen und prüfen, um was es sich da eigentlich handelt. Einen äußeren Anhaltspunkt zu dieser Prüfung gibt uns die Legende des Manichäismus, eine ebensolche Legende, wie ich Ihnen neulich als Tempellegende erzählt habe. Alle solche Geistesströmungen, die mit Einweihungen zusammenhängen, drücken sich exoterisch aus in Legenden. Nur ist die Legende des Manichäismus eine große kosmische legende, eine Legende von übersinnlicher Art.


Da wird erzählt, dass einstmals die Geister der Finsternis anstürmen wollten gegen das Lichtreich. Sie kamen in der Tat bis an die Grenze des Lichtreiches und wollten das Lichtreich erobern. Sie vermochten aber nichts gegen das Lichtreich. Nun sollten sie – und hier liegt ein besonders tiefer Zug, den ich zu beachten bitte -, nun sollten sie bestraft werden von dem Lichtreich. Aber in dem Lichtreich gab es nichts irgendwie Böses, sondern nur Gutes. Also hätten die Dämonen der Finsternis nur mit etwas Gutem bestraft werden können. Was geschah also? Es geschah folgendes. Die Geister des Lichtreiches nahmen einen Teil ihres eigenen Reiches und mischten diesen in das materielle Reich der Finsternis hinein. Dadurch, dass nun ein Teil des Lichtreiches vermischt wurde mit dem Reich der Finsternis, dadurch sei in diesem Reich der Finsternis gleichsam ein Sauerteig, ein Gärungsstoff entstanden, der das Reich der Finsternis in einen chaotischen Wirbeltanz versetzte, wodurch es ein neues Element bekommen hat, nämlich den Tod. So dass es sich fortwährend selbst aufzehrt und so den Keim zu seiner eigenen Vernichtung in sich trägt. Weiter wird erzählt, dass dadurch, dass dies geschehen ist, gerade das Menschengeschlecht entstanden sei. Der Urmensch sei eben gerade das, was vom Lichtreich her gesendet worden sei, um sich mit dem Reich der Finsternis zu vermischen und das, was im Reich der Finsternis nicht sein soll, zu überwinden durch den Tod; es in sich selber zu überwinden.


Der tiefe Gedanke, der darin liegt, ist der, dass von seiten des Lichtreiches das Reich der Finsternis überwunden werden soll nicht durch Strafe, sondern durch Milde; nicht durch Waiderstreben dem Bösen, sondern durch Vermischung mit dem Bösen, um das Böse als solches zu erlösen. Dadurch, dass ein Teil des Lichtes hineingeht in das Böse, wird das Böse selbst überwunden.

Dem liegt die Auffassung vom Bösen zugrunde, die ich oftmals als die theosophische auseinandergesetzt habe. Was ist das Böse? Es ist nichts anderes als ein unzeitgemäßes Gutes: um ein Beispiel anzuführen, das von mir schon öfters angeführt wurde: Nehmen wir an, dass wir es mit einem ausgezeichneten Klavierspieler und einem ausgezeichneten Klaviertechniker zu tun haben, die beide vollkommen sind in ihrer Art. Zuerst muss der Techniker das Instrument bauen und es dann abgeben an den Spieler. Wenn dieser ein guter Spieler ist, wird er es in entsprechender Weise benützen und so sind beide gleichsam das Gute. Wenn aber nun der Techniker anstelle des Spielers in den Konzertsaal gehen und da herumhämmern wollte, dann wäre er am unrechten Ort. Das ‚Gute würde so zum Bösen. So sehen wir, dass das Böse nichts anderes ist als das Gute am unrechten Ort.


Wenn das, was in irgendeiner Zeit außerordentlich gut ist, sich weiter erhalten, starr werden wollte und nun das schon Fortgeschrittene beeinträchtigen würde in seinem Gange, so wird es jetzt zweifellos ein Böses, weil es dem Guten widerstreben würde. Nehmen wir an, die leitenden Kräfte der Mondenepoche, der lunarischen Epoche, wenn sie dort vollkommen waren in ihrer Art und ihre Tätigkeit hätten abschließen müssen, würden sich noch länger in die Entwickelung mischen. Dann müssten sie in der irdischen Entwickelung das Böse darstellen. So ist das Böse nichts anderes als das Göttliche, denn in der anderen Zeit war das, was zur Unzeit das Böse ist, der Ausdruck des Vollkommenen, des Göttliche.


In diesem tiefen Sinne haben wir die manichäische Anschauung aufzufassen, dass das Gute und Böse im Grunde genommen von derselben Art, im Grunde genommen gleich in ihrem Anfang und gleich in ihrem Ende sind. Wenn Sie diese Anschauung so auffassen, werden Sie verstehen, was eigentlich der Mani anregen wollte. Auf der anderen Seite müssen wir aber zunächst erklären, warum sich Mani selbst den „Sohn der Witwe“ nannte und warum sich seine Anhänger „Söhne der Witwe“ nannten.


…/


Wenn wir zurückgehen in die ältesten Zeiten, die vor unserer jetzigen Wurzelrasse liegen, da war die Art und Weise, wie Manschen erkannten, Wissen erwarben, eine andere. Sie werden aus meiner Schilderung der atlantischen Zeit, und jetzt, wo das nächste „Luzifer“-Heft erscheint, auch aus der Schilderung der lemurischen Zeit ersehen, dass damals alles Wissen – zum Teil bis in unsere Zeit hinein – beeinflusst ist von demjenigen, was über der Menschheit steht. Ich habe öfters schon erwähnt, dass erst der Manu, der erscheinen wird in der nächsten Wurzelrasse, ein wirklicher Menschenbruder sein wird, während die früheren Manus übermenschlich, eine Art göttliche Wesen waren. Erst jetzt reift die Menschheit heran, um einen eigenen Menschenbruder als Manu zu haben, der von der Mitte der lemurischen Zeit an alle Stadien mit durchgemacht hat. Was geschieht also eigentlich während der Entwickelung der fünften Wurzelrasse? Es geschieht das, dass diese Offenbarung, die Offenbarung von oben, die Leitung der Seele von oben sich allmählich zurückzieht und die Menschheit den eigenen Wegen überlässt, so dass sie ihr eigener Leiter wird.


Die Seele wurde nun in aller Esoterik (Mystik) die „Mutter“ genannt; der Unterweiser der „Vater“. Vater und Mutter, Osiris und Isis, das sind die zwei in der Seele vorhandenen Mächte: der Unterweiser, derjenige, der das unmittelbar einfließende Göttliche darstellt, Osiris, ist der Vater; die Seele selbst, Isis, konzipiert, empfängt das Göttlich-Geistige, sie ist die Mutter. Während der fünften Wurzelrasse zieht sich nun der Vater zurück. Die Seele ist verwitwet, soll verwitwet sein. Die Menschheit ist auf sich selbst angewiesen. Sie muss in der eigenen Seele das Licht der Wahrheit suchen, um sich selbst zu lenken. Alles Seelische wurde von jeher mit weiblichen Sinnbildern zum Ausdruck gebracht. Deshalb wird dieses Seelische – welches heute im Keim vorhanden ist und später vollständig entwickelt sein wird -, dieses sich selbst lenkende Seelische, das den göttlichen Befruchter nicht mehr vor sich hat, das wird von dem Mani als „Witwe“ bezeichnet. Und deshalb bezeichnete er sich selbst als den „Sohn der Witwe“.


Mani ist es, der diejenige Stufe der menschlichen Seelenentwickelung vorbereitet, die das eigene seelische Geisteslicht such. Alles, was von ihm herrührt, war ein Berufen auf das eigene Geisteslicht der Seele und das war zugleich ein entschiedenes Aufbäumen gegen alles, was nicht aus der Seele, aus der eigenen Beobachtung der Seele kommen wollte. Schöne Worte rühren von dem Mani her und sind das Leitmotiv seiner Anhänger zu allen Zeiten gewesen. Wir hören: Ihr müsst abstreifen alles dasjenige, was äußere Offenbarung ist, die ihr auf sinnlichem Wege erhaltet! Ihr müsst abstreifen alles, was äußere Autorität euch überliefert; dann müsst ihr reif werden, die eigene Seele anzuschauen!


Augustinus dagegen vertritt das Prinzip – in einem Gespräch, in dem er sich zum Gegner jenes Manichäers Faustus macht -: Ich würde die Lehre Christi nicht annehmen, wenn sie nicht auf die Autorität der Kirche begründet wäre. – Der Manichäer Faustus sagt aber: Ihr sollt auf Autorität hin keine Lehre annehmen; wir wollen eine Lehre nur annehmen in Freiheit. – Das ist das Aufbäumen des auf sich selbst bauenden Geisteslichtes, das dann auch in der Faust-Sage in so schöner Weise zum Ausdruck gebracht wurde.


Wir haben diesen Gegensatz auch in späteren Sagen im Mittelalter einander gegenübergestellt. Auf der einen Seite die Faust-, auf der anderen Seite die Luther-Sage. Luther ist der Fortsetzer des autoritativen Prinzips, Faust dagegen ist der, der sich aufbäumt, der sich auf das innere Geisteslicht stützt. Wir haben die Luther-Sage: er wirft dem Teufel das Tintenfass an den Kopf. Was sich ihm als Böses vorstellt, wird beiseite gestellt. Und auf der anderen Seite haben wir das Bündnis des Faust mit dem Bösen. Es wird von dem Lichtreich der Funke nach dem Reich der Finsternis gesandt, um eindringend in die Finsternis, die Finsternis durch sich selbst zu erlösen, durch Milde das Böse zu überwinden. Wenn Sie es in der Weise fassen, so werden sie auch sehen, dass dieser Manichäismus sehr wohl zurechtkommt mit der Auffassung, die wir ausgesprochen haben, von dem Bösen.


Wie müssen wir uns das Zusammenwirken des Guten und des Bösen vorstellen? Wir müssen es uns aus dem Zusammenklingen von Leben und Form erklären. Wodurch wird das Leben zur Form? Dadurch, dass es einen Widerstand findet; dass es sich nicht auf einmal – in einer Gestalt – zum Ausdruck bringt. Beachten Sie einmal, wie das Leben in einer Pflanze, sagen wir der Lilie, von Form zu Form eilt. Das Leben der Lilie hat eine Lilienform aufgebaut, ausgestaltet.


Wenn diese Form ausgestaltet ist, überwindet das Leben die Form, geht in den Keim über, um später als dasselbe Leben in einer neuen Form wiedergeboren zu werden. Und so schreitet das Leben von Form zu Form. Das Leben selbst ist gestaltlos und würde sich nicht in sich selbst wahrnehmbar ausleben können. Das Leben der Lilie zum Beispiel ist in der ersten Lilie, schreitet weiter zur zweiten, dritten, vierten, fünften. Überall ist dasselbe Leben, das in einer begrenzten Form erscheint, webend ausgebreitet. Dass es in begrenzter Form erscheint, das ist eine Hemmung dieses allgemein flutenden Lebens. Es würde keine Form geben, wenn das Leben nicht gehemmt, wenn es nicht aufgehalten würde in seiner nach allen Seiten hin strömenden Kraft. Gerade von dem, was zurückgeblieben ist, was ihm auf höherer Stufe stehend wie eine Fessel erscheint, gerade aus dem erwächst im großen Kosmos die Form.


Immer wird das, was das Leben ist, umfasst als Form von dem, was als Leben in einer früheren Zeit vorhanden war. Beispiel: die katholische Kirche. Das Leben, das in der katholischen Kirche lebt von Augustinus bis ins 15. Jahrhundert, ist christliches Leben. Das Leben darinnen ist Christentum. Immer wieder kommt dieses pulsierende Leben heraus (Mystiker). Die Form, woher ist die Form? Die ist nichts anderes als das Leben des alten römischen Reiches. Das, was in diesem alten römischen Reich noch Leben war, ist erstarrt zur Form Was da zuerst Republik, dann Kaiserreich war, was da gelebt hat in seinen äußeren Erscheinungen als römischer Staat, das hat sein zur Form erstarrtes Leben abgegeben an das spätere Christentum bis hin zur Hauptstadt, so wie eben früher Rom die Hauptstadt des römischen Weltreiches war. Sogaar die römischen Provinzialbeamten sind durch die Presbyter und Bischöfe fortgesetzt worden. Was früher Leben war, wird später Form für eine höhere Stufe des Lebens.


Ist es nicht mit dem Menschen geradeso? Was ist das Menschenleben? Die manasische Befruchtung ist heute des Menschen inneres Leben, das in der Mitte der lemurischen Zeit gepflanzt wurde. Dir Form ist das, was samenartig herübergekommen ist aus der lunarischen Epoche. Damals, in der Mondenzeit, war kamische Entwickelung das Leben des Menschen; jetzt ist sie die Hülle, die Form. Immer ist das leben einer vorhergehenden Epoche die Form in einer späteren Epoche. In dem Zusammenklingen von Form und Leben ist zugleich das andere Problem gegeben: das des Guten und Bösen; dadurch, dass das Gute einer früheren Zeit vereint ist mit dem Guten einer neuen Zeit. Und das ist im Grunde genommen nichts anderes als eben das Zusammenklingen des Fortschreitens mit seiner eigenen Hemmung. Das ist zugleich die Möglichkeit des materiellen Erscheinens, die Möglichkeit, zum offenbaren Dasein zu kommen. Das ist unser Menschendasein innerhalb der mineralisch-festen Erde: Innenleben und das zurückgebliebene Leben der früheren Zeit zur hemmenden Form verhärtet. Das ist auch die Lehre des Manichäismus über das Böse.


Wenn wir uns von diesem Gesichtspunkt aus weiter fragen: Was will nun der Mani und was bedeutet sein Ausspruch, der Paraklet, der Geist zu sein, der Sohn der Witwe? Nichts anders bedeutet das, als dass er vorbereiten will diejenige Zeit, in welcher in der sechsten Wurzelrasse die Menschheit durch sich selbst, durch das eigene Seelenlicht geführt werden wird und überwinden wird die äußeren Formen, sie umwandeln wird zu Geist.


…/


Eine über das Rosenkreuzertum hinübergreifende Strömung des Geistes will Mani schaffen, eine Strömung, die weitergeht als die Strömung der Rosenkreuzer. Diese Strömung des Mani strebt hinüber bis zur sechsten Wurzelrasse, die seit der Begründung des Christentums vorbereitet wird. Gerade in der sechsten Wurzelrasse wird das Christentum erst in seiner vollen Gestalt zum Ausdruck kommen. Dann erst wird es wirklich da sein. Das innere christliche Leben als solches überwindet jegliche Form, es pflanzt sich durch das äußere Christentum fort und lebt in allen Formen der verschiedenen Bekenntnisse. Wer christliches Leben sucht, wird es immer finden. Es schafft Formen und zerbricht Formen in den verschiedenen Religionssystemen. Nicht darauf kommt es an, die Gleichheit überall zu suchen in den äußeren Ausdrucksformen, sondern den inneren Lebensstrom zu empfinden, der überall unter der Oberfläche da ist. Was aber noch geschaffen werden muss, das ist eine Form für das Leben der sechsten Wurzelrasse. Die muss früher geschaffen werden, denn sie muss da sein, damit sich das christliche Leben hineingießen kann. Diese Form muss vorbereitet werden durch Menschen, die eine solche Organisation, eine solche Form schaffen werden, damit das wahre christliche Leben der sechsten Wurzelrasse darin Platz greifen kann. Und diese äußere Gesellschaftsform muss entspringen aus der Mani-Intention, aus dem Häuflein, das der Mani vorbereitet. Das muss die äußere Organisationsform sein, die Gemeinde, in der zuerst der christliche Funke wird so recht Platz greifen können.


Daraus werden Sie entnehmen können, dass dieser Manichäismus zunächst bestrebt sein wird, vor allen Dingen das äußere Leben rein zu gestalten; denn es soll Menschen herbeiführen, die ein geeignetes Gefäß in der Zukunft abgeben werden. Daher wurde auf unbedingte reine Gesinnung und auf Reinheit ein so großes Gewicht gelegt. Die Katharer waren eine Sekte, die wie meteorartig auftrat im 12. Jahrhundert. Sie nannten sich so, weil Katharer die „Reinen“ heißt. Es waren Menschen, die hinsichtlich ihrer Lebensweise und ihres moralischen Verhaltens rein sein sollten. Sie mussten die Katharsis innerlich und äußerlich suchen, um eine reine Gemeinde zu bilden, die ein reines Gefäß sein soll. Das ist es, was der Manichäismus anstrebt. Weniger handelt es sich um die Pflege des innerlichen Lebens – das Leben wird auch in anderer Weise fortfließen -, sondern mehr um die Pflege der äußeren Lebensform.


Nun werfen wir einen Blick auf das, was sein wird in der sechsten Wurzelrasse. Da werden das Gute und das Böse einen weitaus anderen Gegensatz noch bilden als heute. Was in der fünften Runde für die ganze Menschheit eintreten wird, dass die äußere Physiognomie, die sich jeder schafft, ein unmittelbarer Ausdruck dessen sein wird, was Karma bis dahin aus dem Menschen geschaffen hat, das wird, wie ein Vorklang zu diesem Zustand, in der sechsten Wurzelrasse innerhalb des Geistigen eintreten. Bei denjenigen, bei denen das Karma einen Überschuss an Bösem ergibt, wird innerhalb des Geistigen das Böse ganz besonders hervortreten. Auf der einen Seite werden dann Menschen da sein von einer gewaltigen inneren Güte, von Genialität an Liebe und Güte; aber auf der anderen Seite wird auch das Gegenteil da sein. Das Böse wird als Gesinnung ohne Deckmantel bei einer großen Anzahl von Menschen vorhanden sein, nicht mehr bemäntelt, nicht mehr verborgen. Die Bösen werden sich des Bösen rühmen als etwas besonders Wertvollem. Es dämmert schon bei manchen genialen Menschen etwas auf von einer gewissen Wollust an diesem Bösen, diesem Dämonischen der sechsten Wurzelrasse. Nietzsches „blonde Bestie“ ist zum Beispiel so ein Vorspuk davon.


Dieses rein Böse muss herausgeworfen werden aus dem Strom der Weltentwickelung wie eine Schlacke. Es wird herausgestoßen werden in die achte Sphäre. Wir stehen heute unmittelbar vor einer Zeit, wo eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Bösen durch die Guten stattfinden wird.


Die sechste Wurzelrasse wird die Aufgabe haben, das Böse durch Milde so weit als möglich wieder einzubeziehen in den fortlaufenden Strom der Entwickelung. Es wird dann eine Geistesströmung entstanden sein, welche dem Bösen nicht widerstrebt, trotzdem es in seiner dämonischsten Gestalt in der Welt auftreten wird. Verfestigt wird sich haben in denen, die die Nachfolger der Söhne der Witwe sein werden, das Bewusstsein, dass das Böse wieder einbezogen werden muss in die Entwickelung, dass es aber nicht durch Kampf, sondern nur durch Milde zu überwinden ist. Dieses kräftig vorzubereiten, das ist die Aufgabe der manichäischen Geistesströmung. Sie wird nicht absterben, diese Geistesströmung, sie wird in mannigfaltigen Formen auftreten. Sie tritt in Gestalten auf, die sich manche denken können, die aber heute nicht ausgesprochen zu werden brauchen. Würde sie sich lediglich auf die Pflege der inneren Gesinnung beziehen, so würde diese Strömung nicht das erreichen, was sie soll. Sie muss sich ausdrücken in der Begründung von Gemeinden, die vor allen Dingen den Frieden, die Liebe, das Nichtwiderstreben dem Bösen [durch Kampf] als das Maßgebende ansehen und zu verbreiten suchen. Denn sie müssen ein Gefäß, eine Form schaffen für das Leben, das sich auch ohne sie fortpflanzt.


Nun werden Sie begreifen, warum Augustinus, der bedeutendste Geist der katholischen Kirche, der in seinem „Gottesstaat“ geradezu die Form der Kirche ausbildet, die Form für die Gegenwart geschaffen hat, warum er notwendigerweise der heftigste Gegner der Form sein musste, die die Zukunft vorbereitet. Da stehen sich zwei Pole gegenüber: Faustus und Augustinus. Augustinus, der auf die Kirche baut, auf die gegenwärtige Form; Faustus, der aus dem Menschen heraus den Sinn für die Form der Zukunft vorbereiten will.


Das ist der Gegensatz, der sich entwickelt im 3. und 4. Jahrhundert nach Christus. Er bleibt vorhanden und findet seinen Ausdruck in dem Kampf der katholischen Kirche gegen die Tempelritter, Rosenkreuzer, Albigenser, Katharer und so weiter. Sie alle werden ausgerottet vom äußeren physischen Plan, aber ihr Innenleben wirkt weiter. Später kommt der Gegensatz in abgeschwächter, aber immer noch heftiger Form wieder zum Ausdruck in zwei Strömungen, herausgeboren aus einer abendländischen Kultur selbst, als Jesuitismus (Augustinismus) und Freimaurerei (Manichäismus). Die auf der einen Seite den Kampf führen, sind sich dessen alle bewusst, die Katholiken und Jesuiten der höheren Grade; die aber auf der anderen Seite, die im Geiste des Mani den Kampf führen, bei denen sind sich die wenigsten dessen bewusst, nur die Spitze der Bewegung ist sich dessen bewusst.


So stehen sich in den späteren Jahrhunderten gegenüber Jesuitismus (Augustinismus) und Freimaurerei (Manichäismus) Das sind die Kinder der alten Geistesströmungen. Daher haben Sie sowohl im Jesuitismus wie im Freimaurertum eine Fortsetzung derselben Zeremonien bei den Einweihungen wie in den alten Strömungen. Die Einweihung der Kirche im Jesuitismus hat die vier Grade: coadjutores temporales, scholares, coadjutores spirituales, professi. Die Grade der Einweihung in der eigentlichen okkulten Freimaurerei sind ähnlich. Sie laufen einander parallel, verfolgen aber ganz verschiedene Richtungen.

 

Albert Steffen


MANI


I



Die über das Leben und die Lehre des Mani bekannten Nachrichten erscheinen, vom Standpunkt der historischen Wissenschaften aus gesehen, chaotisch und widerspruchsvoll. Es liegt das nicht in der Wesenheit des tiefen und umfassenden, die Zeitalter überragenden Persönlichkeit dieses Lehrers begründet, sondern in den Gegnern und Anhängern oder zu Gegnern gewordenen Anhängern, die über ihn berichteten, und in der Art, wie sie dieses taten. Meist hatten solche Berichterstatter noch nicht die Fähigkeit, Tatsachen in heutiger Weise geschichtlich wiederzugeben. Sie erzählten in der Form des Mythos. Zu jener Zeit erlebte man das Geschehen (und nicht nur das Kosmisch-Göttliche, sondern auch das Irdisch-Menschliche) mehr in Bildern als in Begriffen, besonders gegen den Orient hin. Dieses sollte man vor allem bei den morgenländischen Quellen mit in Betracht ziehen. Bei den abendländischen aber verengt, je näher das Mittelalter kommt, das Dogma das Denken. Wir müssen also bei solchen Überlieferungen von vorneherein zwei Abirrungen, die ins Phantastische und die ins Konfessionelle, gewahren. Und trotzdem, je gründlicher und ausgebreiteter wir das Studium gestalten (es dehnt sich schließlich über die ganze alte Welt, von Rom bis China aus), umso ursprünglicher erscheint dieser Geist.

Es ist zur Schilderung Manis eine ganz bestimmte Schulung notwendig, die frei von willkürlicher Träumerei und gefesselter Dogmatik bleibt. Man muss (um Goethes Ausdruck zu gebrauchen) „die anschauende Urteilskraft“ üben. Dadurch legt man den Weg, den die Geschichte gegangen ist: vom Mythos zur Wissenschaft (an einem historischen Beispiel erläutert, von Plato zu Aristoteles) in umgekehrter Weise, das ist vom Gedanken zum Bild, wiederum zurück und hebt demgemäß, was in früheren Zeiten instinktive Fähigkeit war, eben jenes „Schauen“, in die bewusste Sphäre des Urteils.

Die vollkommen ausgebildete Fähigkeit der „anschauenden Urteilskraft“ würde dem Forscher ermöglichen, sich in eine solche Gestalt wie Mani selbst hineinzuversetzen und von ihr aus das Wesentliche zu sagen. Ein Ziel, das Goethe hatte, wenn er schreibt: „Es gehört eine eigene Geisteswendung dazu, um das gestaltlose Wirkliche in seiner eigensten Art zu fassen und es von Hirngespinsten zu unterscheiden, die sich denn doch auch mit einer gewissen Wirklichkeit lebhaft aufdrängen.“ Und wenn er weiterhin seine Methode formuliert: „Bei der Betrachtung der natur im Großen wie im Kleinen habe ich unausgesetzt die Frage gestellt: Ist es der Gegenstand oder bist du es, der sich hier ausspricht? Und in diesem Sinn betrachtete ich auch Vorgänger und Mitarbeiter.“

Ebenso wie die Natur muss sich auch die Geschichte im Forscher aussprechen.

Die Kräfte, die im Weltengange walten, objektiv, das heißt unabhängig von mehr oder weniger getrübten Quellen, zu erfassen, war eben jener „eigenen Geisteswendung“, von der Goethe spricht, vorbehalten.

Als eigentlicher Urheber der Lehre wird ein weitgereister Kaufmann, Skythianus, genannt, der seinem Begleiter Terebinthus vier Bücher eingegeben haben soll: Das Buch der Mysterien, das der Kapitel, das des Evangeliums und den Thesauros (den Schatz der Lebendigmachung)

Skythianus hatte eine Gefangene zur Frau, die ihn veranlasste, aus der Wüste nach Ägypten zu ziehen, wo er die Mysterienweisheit der ägyptischen Epoche erfuhr. Von dort wollte er nach Jerusalem reisen, um mit den jüdischen Gelehrten zu disputieren. Er starb jedoch auf dem Wege dahin. Terebinthus, sein Gefährte, zweite ab nach Babylonien und hatte daselbst Begegnungen mit persischen Mithraspriestern, die ihm feindlich gesinnt wurden und seinen Untergang herbeiführten. Nach seinem Tode kamen die ursprünglich von Skythianus herrührenden Schriften in die Hände einer Witwe, der einzigwahren Anhängerin der Lehre. (Sie wird von einigen Auslegern der Gattin des Skythianus gleichgesetzt.) Von der Witwe auf Mani, den sie als Siebenjährigen an Kindesstatt angenommen und bis zu ihrem Tode auferzogen hatte. Sie starb, als er zwölf Jahre alt war. Zu dieser Zeit hatte Mani seine erste Geistbegegnung mit dem Engel El Tawan, der ihn auf seine eigene Aufgabe hinwies. Er mahnte ihn, die Religion seines Volkstums (Mani entstammte einem persischen Geschlechte) zu verlassen.

Mit vierundzwanzig Jahren, am Tage, da Schapur I. gekrönt wurde, dem ersten Nizan („als die Sonne im Zeichen des Widders stand“), im Jahre 242, trat er, zur Konfrontierung mit dem weltlichen Herrscher, als geistiger Führer, zum ersten Male auf.

Er sandte in der Folge die Schüler aus, die er gewonnen hatte, vor allem Thomas, Addas und Hermas. Als diese nach langen Reisen zurückkehrten, fanden sie den Lehrer im Gefängnis. Der Sohn des Königs war krank geworden. Mani hatte sich als Arzt angeboten. Seine heilenden Hände versagten. Das Kind starb. Deshalb war er eingekerkert.

Jetzt vertiefte Mani seine Lehre, um die Jünger, die mit ihren Erfahrungen und Fragen in Bezug auf das sich schnell verbreitende Christentum an ihn herantraten, zu neuen Missionen auszurüsten.

Schapur, wachsam geworden, sah seine Staatsreligion gefährdet und verurteilte Mani zum Tod. Er flüchtete, zuerst auf die Burg Arabion. Von dort nach Kaskar in Mesopotamien, zu einem Religionsgespräch mit dem christlichen Bischof Archelaus; weiterhin nach Turkestan, Hindostan, Khatai, wo er mit je zwölf Jüngern überall, bis nach China hin, Gemeinden begründete.

Als er nach mannigfaltigen Mysterienerlebnissen, ein Eroberer im Geist, vollendet in seinem Menschentum, Lehrer, Künstler und Priester zugleich, zurückkehrte, wurde er unter Bahram, einem nachfolgenden Herrscher des Sassanidenreiches, gefangen genommen, vor ein Konzil mit den Gelehrten des Landes gestellt, zum Widerruf aufgefordert, und als er nicht nachgab, hingerichtet. Und zwar auf diese Art: Sein Körper wurde gehäutet; die Haut mit Kräutern ausgefüllt; der enthäutete Leib gekreuzigt; vor den Toren Dschondischapurs, der Stadt, die später jene bedeutsame Rolle als Station zwischen Morgen- und Abendland in der Entwicklung der Geistesgeschichte der Menschheit spielen sollte. (Besonders durch die Arabisierung des Aristoteles.)

Manis Lebensgeschichte trägt alle Merkmale eines Eingeweihtenschicksals. Was ihm widerfuhr, ist in mythische Bilder gekleidet, die zwar den historischen Tatsachen nicht zu widersprechen brauchen, bei denen aber das geistig-seelische Geschehen das maßgebende ist. Sie weisen auf den Stufengang seiner Entwicklung. Selbst die äußeren Wanderungen, die von ihm unternommen worden sind, hatten immer das Ziel, innere Erfahrungen zu machen. Sie waren Wege zur Einweihung.

Dass es sich um Wahrheiten handelt, die im Gewande des Mythos auftreten, zeigen vor allem die Raum- und Zeitverschiebungen. Gewisse Kommentatoren sagen, dass Skythianus und Terebinthus noch Genossen der Jünger Christi gewesen seinen, während Mani selber doch erst nach dem Jahre 200 geboren wurde. Hier ist aber nicht eine historische, sondern eine spirituelle Verbindung gemeint.

Wer ist Skythianus? Ein Skythe, der den Namen seines Volkes als den eigenen tragen kann, weil er dessen ganze Weisheit in sich vereinigt.

Dabei ist freilich zu betonen, dass die damaligen Skythen auch schon verkommen waren. Ihre Wildheit war bekannt. Sie verhalten sich zu ihren Vorfahren etwa wie die Indianer Amerikas zu den Inkavölkern.

Sie hatten ihren Ursitz in Mittelasien, stammten aber ursprünglich aus dem Westen. Sie waren nämlich Teile der Bevölkerung, die nach der atlantischen Flut gegen Osten gewandert waren und die urältesten Mysterien mit sich geführt hatten.

Bei dem Namen Skythianus ist also an die ehrwürdigste Einweihung zu denken.

Terebinthus, der Begleiter des Skythianus, setzt sich selber öfters in Beziehung zu Buddha. Sein Name (überdies, wie Baur bemerkt, die Bezeichnung eines Baumes, der hieratische Bedeutung hatte) weist ebenfalls auf einen Mysterienursprung. Tir (so erklärt dieser Autor sehr einleuchtend) heißt bei den Orientalen Merkur. Merkur hinwieder wird mit Buddha identifiziert. Inthos oder Binthos (etwa in Korinth, der Stätte, die dem Koros, dem alten Sonnengotte, geweiht war) deutet auf ein örtliches Heiligtum.

Terebinthus wäre also eine Persönlichkeit, die in sich die Weisheit des Buddha trägt.

Die Frau des Skythianus, jene „Gefangene aus der oberen Thebais“ darf als Trägerin des ägyptischen Wissens angesehen werden. Sie wird vom spirituellen Gesichtspunkt aus mit Recht mit jener anderen Witwe identifiziert. Der Name Witwe ist an und für sich eine Mysterienbezeichnung, nämlich der Seele, die ein Abbild der Isis ist, die nach Osiris sucht, die also den Zusammenhang mit dem Kosmos verloren hat.

Man spricht von Söhnen der Witwe (und Mani nannte sich selber so), weil das Ich, das Kind der Seele, nun keinen Vater mehr hat, das heißt keinen Weltengrund besitzt und sich einen solchen erst (das liegt im Wesen der Ichheit) aus Freiheit und Liebe selbst erringen muss.

Terebinthus nimmt, so sagt die Überlieferung, das Wissen der Perser in Babylonien auf und geht dabei zugrunde.

Und jetzt empfängt Mani die ganze Mysterienweisheit seit der atlantischen Flut.

Er nennt sich selbst einen Babylonier. So wie Skythianus das atlantische Erbe und Terebinthus das indische, so trägt er das ägyptisch-babylonische. Das persische aber ist ihm durch seine Abstammung an und für sich eigen.

Aber dieses ganze Wissen reicht nicht aus, um den Sohn des Königs zu retten.

Mani muss es mit Christuskraft durchdringen, wenn er die Menschheit heilen will.

Der Christusimpuls, den er in sich lebendig macht, bringt ihn bald in Konflikt mit dem Herrscher, der sein Reich auf vorchristliche, dekadent gewordene Mysterien, eben den Mithraskult, gründet.

An die Namen der Jünger Addas, Thomas und Hermas knüpft die Tradition die Verbreitung des Christentums nach Syrien, Indien und Ägypten. Die Reisen des Mani selbst stellen sich als eine Umkehr jener Wanderungen dar, die nach dem Untergange von Atlantis, (des ehemaligen Kontinents, der an der Stelle des atlantischen Ozeans gestanden hat und heute auch in den Bereich der physischen Forschung, besonders durch Professor Wirth, gezogen wird) bis in die Mitte Asiens unternommen worden sind, von wo aus dann die nachatlantischen Kulturen ausgingen. Jetzt kehrt ein Eingeweihter, mit dem Christusimpuls erfüllt, diesen Weg wiederum zurück.

Hier herrscht Identität des Lebens und der Lehre, die von den neuesten Forschungen, wenn man diese richtig versteht, durchaus bestätigt wird. (Man beachte von diesem Gesichtspunkt aus die in Turfan entdeckten Überreste manichäischer Handschriften.)

Auch die Hinrichtung des Mani weist auf die Übereinstimmung von Mensch und Werk. Denn sein Martyrium ist in der Art, wie es beschrieben wird, ein Bild dessen, was den Tod nicht nur vom Physischen, sondern auch vom Geistigen aus darstellen sollte, das heißt eines Mysterienerlebnisses, obgleich entstellt und zum Hohne aufgerichtet.

Jene „eigne Geisteswendung“, von der Goethe spricht, erhält ihre erkenntnismäßige Begründung und ihre methodische Ausbildung in der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners.

Man sollte, wenn man dessen Forschungsresultate in Anspruch nimmt, darauf hinweisen, dass man dieses deshalb tut, weil man erkannt hat: durch sie spricht nicht subjektive Willkür, sondern objektive Wahrheit.

Rudolf Steiner hat gewisse Gesetze der Menschheitsgeschichte an dieser selber abgelesen. So stellte er zum Beispiel immer wieder dar, dass das Christentum mit seinem Ichheits-Impuls, der auf Freiheit und Liebe begründet ist, nicht etwa in ein unterschiedsloses Konglomerat von Menschen versetzt wurde, sondern in einen Organismus, der auf einer ganz bestimmten Entwicklungsstufe stand.

Er sagte nämlich (man könnte sich auch so ausdrücken: die Menschheitsgeschichte sagt es durch ihn selber): Christus wurde in den Leib des Römertums, die Seele des Judentums, den Geist des Griechentums hineingeboren.

Das Römische Reich hatte zur Zeit des Augustus durch das Cäsarentum seine in sich abgeschlossene Struktur, seine Administration und Einrichtung, sein äußeres Gehäuse für den inneren Gehalt erlangt. Diese Institution verwaltete im jüdischen Bereiche Pilatus.

Innerhalb derselben entschied jedoch das jüdische Volk nach seinem eigenen Gesetze, durch welches die Grundlagen für das seelische Verhalten (das Gericht über Gut und Böse, das heißt das angeblich Moralische) der Menschheit gegeben waren. Rom machte späterhin den Mosaismus überhaupt zu seiner maßgebenden Maxime.

Aber über dieses leiblich-seelische Element, das vom Judentum durchsetzte Römertum, ragte ein Geistiges hinaus, die griechische Denkart, die damals noch im Sinnenleben den Gedanken erfasste. Der Geist war noch lebendig in der griechischen Sprache, nicht mehr jedoch in der römischen. Da wurde er schon begrifflich-abstrakt, während er früher noch mythisch-geschaut war. Man kann diesen Sterbeprozess studieren, wenn man darauf achtet, wie das Christentum immer dogmatischer wird, je mehr das Latein Platz greift. Die griechisch schreibenden Theologen sind noch viel konkreter mit dem kosmischen Erleben verbunden, als die lateinischen Kirchenväter.

Man vermag jedoch in der Menschheitsentwicklung hinter das Griechentum auf frühere Kulturen zurückzuschauen, wo nicht nur das Denken, sondern auch das Fühlen und Wollen an kosmische Gesetze gebunden, das heißt religiös geregelt waren. Das ist bei den Ägyptern, Babyloniern, Chaldäern, mehr noch bei den Persern und am meisten bei den Indern der Fall. Aber es war dabei das Einzelerlebnis in einem Gemeinschafts-Erleben aufgehoben. Heute träumt jeder für sich. Damals alle zusammen, und zwar in wirklichen Zusammenhängen. Die Erfahrung war noch nicht wach und Ich-bewusst, wie dies bei den Römer, Griechen und Juden zu Christi Zeit immer mehr der Fall wurde. Die Herrscher (etwa die persischen Könige) waren früher von den Mysterien (den Magiern) abhängig.

Mani, der, wie seine Lebensgeschichte sagt, die alten Mysterien kannte, wollte auch die vorchristlichen Kulturen in das Christentum einbeziehen. Die Tradition sagt, das er selber seinen Namen wählte (als Kind wurde er Corbicius genannt). Mit dieser Wahl sprach er ein Ziel aus. Mani, Manes, Manas, Manu … immer deutet dieses Wort auf ein Menschentum, das nicht irdischer, sondern kosmischer Herkunft ist. Und auch vom Kosmos her seine Erneuerung, selbst in der Wüste – ihr Manna – erhält. Er, Mani, besaß selber noch, was aus seiner Lehre, seiner Kunst und seinem Kultus hervorgeht, dieses frühere Erleben, aber durchaus mit dem Ich-Bewusstsein durchdrungen. Dass sein Ich frei und liebend war, zeigt sein ganzes Opferschicksal. Er wollte, was früher vom Weltall her, in großen Volkszusammenhängen, geordnet in der Menschheit waltete, dem einzelnen Menschen im Inneren zugänglich machen.

Gerade in diesem Bestreben suchten ihn seine Gegner zu treffen, wenn sie jene Abschwörungsformel, die sich gegen Zarathustra, Buddha und Skythianus richtete, auf seine Anhänger schleuderten

[...]

Mani wollte keineswegs, wie man ihm fälschlicherweise vorwarf, die heidnischen Religionen wiederum einsetzen, sondern er sah voraus, dass sie durch den Geist des wahren Christentums zwar aufgehoben, aber nicht vernichtet waren, und wiederum neu geboren, ihre Renaissance, wenn auch viel später, feiern würden. Er wusste, dass sie wiederum in die Menschheitsentwickklung eintreten mussten. Und er wollte diese Zukunft, die er schon in seinem Inneren erlebte, vorbereiten. Deshalb betrachtete er sich als den Sendboten des von Christus ausgehenden Heiligen Geistes.

Er hatte das Ziel, dem Christentum die höheren Wesensglieder, die in ihm wirkten, aber noch nicht offenbar waren, zu erwecken. Dieses Bestreben brachte ihn und seine echten Jünger in ganz bestimmte Verhältnisse zu nachchristlichen und vorchristlichen Religionen. Der Manichäismus hatte sich mit dem Christentum, dem Judentum, dem Heidentum auseinander zu setzen, um dem Geist, der im Kosmos und im Ich erlebt werden konnte, den Weg zu bereiten, gemäß dem rein übersinnlichen Christuserlebnis, das sowohl von der mündlichen wie auch von der schriftlichen Überlieferung unabhängig war.

Dies ist im Einzelnen, wenigstens andeutungsweise, zu zeigen. Belege dazu findet man in dem schon erwähnten Buch von Baur über das manichäische Religionssystem. Aus diesen Zeugnissen geht auf das deutlichste hervor, dass Mani und sine wahren Nachfolger die Urkunden des Christentums, vor allem die Evangelien, erst prüfen wollten, bevor sie ihre Lehren annahmen. Sie waren der Ansicht, dass es unwürdig wäre, ohne Vernunft zu glauben. Dadurch kamen die späteren Manichäer besonders in Gegensatz zu Augustin, jenem Geiste, bei dem sich das Misstrauen gegen die Erkenntnis, das sich später in Kant zu der Kritik der reinen Vernunft formulierte, in genialer Weise vorverkündete. Mani lehnte in den Überlieferungen des Christentums vor allem das judaisierende Element ab. Er ging in der Verwerfung des alten Testamentes bis auf jene Zeiten zurück, wo er noch eine reine Verbindung der menschlichen Geistesboten mit den göttlichen Lichtgestalten erkennen konnte, bis in die Epoche, wo der Jahvedienst als Volksreligion noch nihct die ausschließliche Rolle spielte, das heisst wo noch ein Sonnenkultus statt eines Mondenkultus lebte, das ist vor Abraham. Dort fand er gewaltige Menschheitsführer.

Augustin wurde gerade deshalb der große Gegner der Manichäer, weil er das jüdische Element in sich nicht überwinden konnte. Auch das andere Gewicht, welches dem des Erkenntnismisstrauens die Waage halten mussste, das Gesetz, das bei Kant zum kategorischen Imeperativ wird und bei Augustin noch als blinder Unterwerfungswillr unter Gottes Allmacht waltete, lastete auf ihm.

Die durch Glauben ins Ungemessene gesteigerte Hingebung (credo quia absurdum) lebte sich in Augustins Konfessionen aus, die wie der Gottes-Dythyrambus eines modernen Ich-Menschen, der auf Erkenntnis verzichtet, anmuten.

Leidenschaftlich hingeworfen, voller Fragepein, ein Verzweifelter, ringt Augustin zunächst noch mit der Frage der Präexistenz.

„Sag mir: ist schon ein anderes, längst hinabgegangenes Leben dieser meiner Kindheit vorausgegangen? Das Leben vielleicht, das in der Mutter Schoß ich lebte? … Was aber war vor diesem Leben im Mutterleibe? Mein Gott, du meine süße Wonne? War ich irgendwo und war ich irgendwer? Sag du es mir, denn ich habe niemanden sonst, der es mir sagte. Nicht Vater noch Mutter konnten es mir sagen, noch eines Anderen Erfahrung, noch mein eigenes Erinnern. Oder verlachst du mich ob dieser Frage?“

So fragt Augustin seinen Gott. Er hat ein ganz persönliches Verhältnis zu ihm, das aber nicht mehr, wie bei den Griechen, durch den allgemeinen Gedanken, der in der Natur erschaut wurde, befriedigt werden kann. Er vermag das Göttliche nicht mehr mit seinen Sinnen zu erfassen. Er muss, wenn er es rein erleben will, die Sinne verleugnen. In keinem Elemente, nicht in der Erde, noch den Wassern, noch den Lüften findet er Gott. Auch Sonne, Mond und Sterne sind nicht Gott. Augustin lehnte, nachdem er neun Jahre Zuhörer der Manichäer gewesen war, die Lehre derselben, die im Elementarischen noch geistige Wirksamkeiten fand uns sie in mächtigen Bildern darstellte, endgültig ab, indem er sie als Märchen bezeichnete. Aber nicht nur dies: sondern er will von Anfang an von der Methode des Aristoteles nichts wissen.

Er lernte diese im wesentlichen als Lehre von den zehn Kategorien, als er kaum zwanzig Jahre zählte, kennen, und las sie, so schreibt er, ohne Lehrer und verstand sie auch, behauptet er. Aber: „Es nützte mir nichts, es schadete mir. Denn da ich glaubte, es müsse alles Sein unter diesen zehn Kategorien sich fassen lassen, suchte ich auch dich, mein Gott, so zu begreifen, dich, den wundersam Einfachen und Unwandelbaren, als ob auch du der Träger wärest für deine Größe und für deine Herrlichkeit, als wären die in dir als Eigenschaften im Subjekt, so wie es auch beim Körper ist; und bist du doch selber deine Größe und bist deine Herrlichkeit…“

Die zehn Kategorien sind zu Abstraktionen gewordene Weltanschauungen. Sie waren ursprünglich Mythen, die am Himmel, als Tierkreis-Bilder, geschaut wurden. Zu toten Begriffen erstarrt, vermögen sie der Dialektik, die aus Augustins leidenschaftlichem Inneren sich erhebt, nicht mehr Widerstand zu leisten. Sie verwehen wie ein Spinngewebe. Und so geht es ihm mit dem von den Griechen herkommenden Geistesleben überhaupt.

„Und was nützte es mir, dem erbärmlichsten Sklaven böser Lüste, der ich damals war, dass ich alle Bücher der freien Künste für mich selber las und sie verstand, soviel ich ihrer immer lesen konnte? Ich freute mich an ihnen und wusste doch nicht, wessen es sei, was ich darin an Wahrem und Gewissem fand. Denn ich hatte den Rücken gegens Licht gekehrt und das Angesicht gegen das, worauf das Licht fiel, und so war es, dass mein Angesicht im Dunkel blieb, da es das Hellerleuchtete erblickte.“

Aber in den Gedanken, wie sie die Griechen erlebten, auch in den zehn Kategorien, wirkte immer noch, obschon sie bloße Abstraktion geworden waren, eine übersinnliche Kraft, eben jene begriffsbildende Denkfähigkeit, die noch einen vorirdischen Ursprung hatte, wenn auch die Formen, in denen sie auftrat, nicht mehr die beweglichen, tönenden und leuchtenden Bilder der Mythen waren. Augustin konnte diese Denkkraft nicht mehr erfassen, weil er schon eine Intelligenz benutzte, die im Leiblichen verankert war. Er ist bereits ein religiöser Pragmatist. Als Gegengewicht gegen das Sündige, das im Leibe – infolge des Abfalls von Gott – vererbt lauert, rechnet er mit der göttlichen Barmherzigkeit. (Siehe hier die Vorträge Rudolf Steiners über Thomas von Aquino.)

Nicht alle Menschen, so glaubt Augustin, sind prädestiniert, zu Gott zu kommen und durch ihn Freiheit und Unsterblichkeit nach dem Tode zu erlangen. Es gibt zur Seligkeit und zur Verdammung Vorbestimmte. Also: Eine geteilte Menschheit. Die Nichterwählten bleiben im Sündenzustand. Sie werden abgestoßen.

Hier tritt wiederum ein bedeutsamer Unterschied zwischen Augustin und Mani hervor. Denn während Augustin sich schließlich dazu entscheiden musste, eine gute und eine böse Menschheit unwiederbringlich getrennt zu sehen, wollte Mani gerade dahin wirken, dass die Gutgewordenen ihre Kräfte zur Errettung der Bösgebliebenen gebrauchen konnten. Und ebenso, wie Augustin die Erkenntnisse der Manichäer verwarf, weil ihn das „ellenlange Geschwätz über Himmel und Sterne und Sonne und Mond“, wie er sagte, ärgerte, denn es schien ihm unbeweisbar (er schämte sich jetzt seiner früheren kindischen Freude am trojanischen Pferd und gab sich den Dogmen der Kirche hin), erschien ihm auch das ethische Streben der Manichäer unberechtigt. Neun Jahre wartete er in Karthago auf jenen Faustus. Merkwürdig, aber ganz seiner Art gemäß, muss er eine persönliche Enttäuschung erleben, bevor er sich von dieser Gemeinschaft befreit, in welcher er wohl unter die Zuhörer, nicht aber unter die Auserwählten zählte.

Zwar befriedigte ihn zunächst die „bewegte Wärme“ des Manichäerbischofs, aber im Gespräche, das im engeren Kreise nach großer Mühe zustande kam, merkte er mehr Fertigkeit in der Rede, als Kenntnis und Wissen.

„Da fand ich bald, dass er von allen freien Künsten nur in der Grammatik bewandert sei, und das nur in gewohntem Maße, und dass er einige Reden Ciceros gelesen und ganz wenige Bücher Senecas und einiges von den Dichtern und Werke seiner Sekte, soweit sie lateinisch und in gutem Stil geschrieben waren.“

Nun: dies Zeugnis braucht nicht zu stimmen. Denn vielleicht hatte Faustus Grund, gerade Augustin gegenüber seine Quellen zu verschweigen. Augustin, der unbefriedigt ist, sagt die sonderbaren Worte: „So hatte denn dieser Faustus, der so vielen eine Schlinge zum Tode (Psalm 17,6) war, ohne Wissen und Willen begonnen, die Schlinge, worin ich gefangen saß, zu lockern.“

Er reist jetzt nach Rom und ringt immer leidenschaftlicher danach, den Ursprung des Bösen zu erforschen, bis er ihn zuletzt in dem findet, was für die Manichäer gerade der Anfang seiner Überwindung ist, nämlich im Suchen nach dem Bösen selbst.

„Und so suchte ich, woher das Böse, und ich suchte böse und sah das Böse nicht in meinem Suchen.“

Woher stammt das Böse? Gott hat Alles geschaffen. Das Geschaffene kann, da der Schöpfer gut ist, gar nicht böse sein, es ist nur weniger gut.

Seine Dialektik kommt zum Schlusse: Es gibt im Grunde nichts Böses, weder im Schöpfer noch in seiner Schöpfung. Diejenigen, denen die Welt missfällt, sind kranken Geistes.

Und er zitiert den Psalm: „Alles verkündet dein Lob auf Erden, Drachen und alle Abgrundtiefen und Feuer und Hagel und Schnee und Eis und Windesgeister, die dein Wort erfüllen, Berge und alle Hügel, fruchttragend Holz und alle Zedernbäume und wildes Vieh und zahmes Vieh und kriechendes und fliegendes befiedertes Getier, die Könige der Erde und alles Volk und Fürsten auch und alle Richter dieser Welt, Jünglinge und Jungfrauen, die Alten mit den Jungen, sie alle preisen deinen Namen!“

Er kommt zu dem erschütternden Schlusse: „Und ich forschte, was die Sünde sei und fand in ihr kein Wesen, nur die Verkehrtheit eines Wissens, der sich vom höchsten Wesen, dir, o Gott, zur Niedrigkeit gewendet, herausgeworfen hat sein Eingeweide (Sir. 10,10) und nun sich draußen bläht.“

Man muss in solchen Sätzen eine bewusst hingestellte Abwehr gegen den Manichäismus erblicken. Denn dieser erkannte in der Schöpfung ein Lichtes und ein Finsteres, ein Gutes und ein Böses, ein göttliches und ein teuflisches Prinzip im Kampfe begriffen, und Kampfplatz war der Mensch.

Die Stellung, die der Mensch zu der Frage nach dem Ursprung des Bösen einnimmt, ändert sich, sobald er die Wiederverkörperung der menschlichen Entelechie erkennt. Die Reinkarnation ist ein Bestandteil des ursprünglichen Manichäismus. Was für ein geisteswissenschaftlich geschultes Denken sich selbstverständlich aus den vorhandenen Bruchstücken von Manis Lehre ergibt, ist auch dokumentarisch beweisbar, obwohl heute noch eine in den Religionsforschern selbst liebende Abneigung besteht, dies zuzugeben.

Abgesehen von historischen Zeugnissen, lässt der Aufbau der ganzen Lehr Manis, die Einrichtung der Lebensweise, vor allem aber der Kultus (worüber später zu sprechen ist), gar nichts anderes zu, als dass die Manichäer sich vernunftgemäß sagten: sie würden in späteren Lebensläufen an der Befreiung des Lichtelementes aus der Materie, an der Umwandlung des Bösen in Gutes, als Mitkämpfer des Lichtkönigs gegen den Archonten der Finsternis weiterhin und höchst individuell teilnehmen. Man braucht, wenn man gemäß der Wiederverkörperung lebt, das Böse nicht abzuwerfen, sondern vermag es in sich u besiegen und es derart zu verwandeln. Was bei einem einmaligen Leben nicht möglich wäre-: da muss man es, um es loszuwerden, preisgeben, von sich schleudern, dem Abgrund, wo es hergekommen, überliefern.

Aber wo ist dieser Abgrund? Der Fürst der Finsternis bemächtigt sich dieses entäußerten Bösen. Er gebraucht es zu seinen Zwecken. Er verschlimmert dadurch das Reich, worin er herrscht: die Materie.

Es bleibt freilich der Ausweg, dass dieses Böse, das vom Einzelnen, zu seiner Erlösung, abgeworfen worden ist, von einer Gemeinschaft aufgenommen und getragen wird. Was aber geschieht dadurch?

Dann geht es in die Form dieser Gemeinschaft über und verhärtet diese. Es ahrimanisiert die Institution.

Wohl aus diesem Grunde war Mani ein Gegner aller nur äußerlichen Organisation. Wie diese fehlte, ist seine Weltanschauung nicht wie andere konstituiert worden.

Wer das Böse in sich behält und es in sich „aufhebt“, indem er sich immerfort läutert, ohne sich auf andere, die ihm vielleicht etwas davon abnehmen könnten, zu verlassen, ohne sich etwas vergeben zu lassen, der muss beständig darüber nachsinnen, wie er über sich hinausschreiten kann; er wird in solcher ruhelosen Aktivität nie zur Form erstarren.

Nur wer seine Fehler immer wieder anschaut und im Anschauen Korrektur an ihnen übt, das heißt nach dem Ursprung des Bösen sucht, ist schöpferisch. Er lernt dabei, sich objektiv zu betrachten, und schon das ist eine Emanzipation von seinem Niederen. Wer das Böse in sich nicht dem Gesetz übergibt, es also nicht zu etwas formal zu Erledigendem macht, sondern sich selbst die Richtung zum Guten gibt, der ist genial; auf die Malerei angewendet (und Mani war ja selbst ein Maler), er verwandelt das Dunkle in sich durch das Licht in Farbe, er erlebt nicht mehr schwarz-weiß, sondern farbig. Mehr: das Blut, das den Egoismus in sich hat, ätherisiert er zum reinen Träger der Liebe. Ja, man darf sagen, er hebt die Materie, die an und für sich tot ist, auf, er besiegt sie im eigenen Organismus als die Schwere seines Leibes durch die Licht-Kraft seines Geistes.

In der Menschenseele ist der einzige Ort, wo die Stofflichkeit aufgehoben wird.

Hat man diese Einsicht errungen, so ist es auch nicht mehr möglich, in jene Behauptungen einzustimmen, die bis auf heute gang und gäbe sind, dass im Manichäismus von Anfang an zwei Prinzipien, das des Guten und das des Bösen, herrschten.

Schon der Umstand, dass Mani – selbstverständlich – die Lehre Zarathustras sehr gut kannte, sollte einen abhalten, eine derartige Dualität gleicherweise „anfangslos“ anzunehmen, auch dann, wenn man die Überbrückung dieser Zweiheit in den vorhandenen Schriften nicht findet. Erstens sind uns aus seiner Lehre nur Fragmente erhalten. Dann aber wurde diese schriftlich überhaupt nicht völlig wiedergegeben. Denn der Unterricht der Electi blieb mündlich.

Nach Le Coq kommt Zarathustra in einer manichäischen Legende vor. Nicht, dass Mani die Lehre der Perser von ihrem Begründer einfach übernommen hätte! Nein, sie war in ihm, durch seine eigene Entwicklung, neu erstanden.

Zarathustra, so erzählt der Mythos, stieg zum Himmel und suchte das heilige Feuer, das Urlicht, Ormuzd, das Wort des Lebens. Er drang also über den Mond hinaus, durch das Urwasser, zum Urlicht, bis in die Sonne. Und dann stieg er zur Hölle hinunter und erkannte das Finstere der Materie als die Tag Ahrimans, des Vaters der Lüge.

Diese Zweiheit, Ormuzd und Ahriman, das gute und das böse Prinzip, wird aufgehoben in Zeruane akerene, der Zeit ohne Grenzen, der Dauer. Das ist aber der Saturnzustand , der dem Sonnen- und dem Mondzustand vorangeht. Ormuzd sagt zu Ahriman: „Ahriman, Vater des bösen Gesetzes, das in Herrlichkeit verschlungene Wesen, Zeruane akerene, hat dich geschaffen. Durch seine Größe sind auch die Anschaspands geworden, die reinen Geschöpfe, heiligen Könige.“

Es ist noch nicht genügend in das Bewusstsein, nicht einmal der Mitte, geschweige denn des Westens und Ostens Europas übergegangen, dass Goethe eine weit in die Zukunft hineinwirkende Darstellung dieser altpersischen Kultur in seinem Buch des Parsen, einem Teilstück des westöstlichen Divans, gegeben hat, das allerdings, wie er selber sagt, Fragment geblieben ist. Les beschränkt sich auf zwei Gedichte. „Nur vielfache Ableitungen“, so schreibt Goethe, „haben den Dichter verhindert, die so abstrakt scheinende und doch so praktisch eingreifende Sonn- und Feuerverehrung in ihrem ganzen Umfange dichterisch darzustellen, wozu der herrlichste Stoff sich anbietet. Möge ihm gegönnt sein, das Versäumte glücklich nachzuholen.“ Es kam dieser Verzicht auf ausführliche Darstellung anderen Werken zugute. Besonders, in verwandelter Gestalt, Faust II. Teil Goethes Gedicht „Vermächtnis altpersischen Glaubens“ samt dem angehängten dionysischen Spruchgedicht ist ein Preislied auf Ormuzd mit einem Satyrhieb auf Ahriman.

Aus diesen Versen ersteht das Wesentliche der Lehre und Lebensweise der Zarathustra-Kultur: Höchste Schau und reinste Tat.

„Gott auf seinem Throne zu erkennen,

                             Ihn den Herrn des Lebensquells zu nennen,

                             Jenes hohen Anblicks wert zu handeln

                             Und in seinem Lichte fortzuwandeln.“

Aus dieser Erkenntnis heraus wird das sinnlich-sittliche Erleben der Elemente: Feuer, Luft, Wasser und Erde entwickelt, der Keim eines Kultus gelegt, der Geburt und Tod umschließt, ein Gottesdienst im Erdenleben, ein Priestertum im Alltag, bis zur Krönung im Künstlertum aufgebaut.

Dann, in den Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des westöstlichen Divans, in dem Aufsatz „Ältere Perser“, deutet Goethe auf den Übergang von der Naturreligion zum Geisteskultus, den Zarathustra in der Menschheitsgeschichte und er, Goethe, in seinem eigenen Leben vollzogen hat. Ein Entwicklungsvorgang, der im sinnvollen Älterwerden selber liegt, ein Grundgesetz, welches das Verhältnis von jung und alt so regelt, wie es sich früher im Fortgang der Kulturen über ganze Zeitenentwicklungen ausgewirkt hat. „Der Herr des Lebensquells“ zeiht nicht nur in die Menschheit als solche, sondern in jedes Ich ein. Er lebt im innersten Herzen des Liebenden.

„Eine so zarte Religion, gegründet auf die Allgegenwart Gottes in seinen Werken der Sinnenwelt, muss einen eignen Einfluss auf die Sitten ausüben. Man betrachte ihre Hauptgebote und Verbote: Nicht lügen, keine Schulden machen, nicht undankbar sein! Die Fruchtbarkeit dieser Lehren wird sich jeder Ethiker und Askete leicht entwickeln. Denn eigentlich enthält das erste Verbot die beiden andern und alle übrigen, die doch eigentlich nur aus Unwahrheit und Untreue entspringen; und daher mag der Teufel im Orient bloß unter Beziehung des ewigen Lügners angedeutet werden.“

Der Kultus, den Zarathustra gab, regelte auch die sozialen Einrichtungen. Magiertum und Königtum wirkten früher vereint, was sich besonders in dem Verhältnis von Zarathustra und Gustasp, dem Herrscher Irans, zeigte. Weisheit und Stärke walteten gemeinsam und brachten derart Schönheit hervor. Als diese Einheit sich spaltete, setzte der Zerfall ein. Xerxes ging unter, weil er sich in seinen Machtgelüsten übersteigerte und gegen den Rat der Priester die griechischen Heiligtümer zerstörte, was der Geist seines Vaters, Darius, in der Tragödie des Äschylos ihm vorwirft, als er nach der Niederlage zurückkehrt.

Dieser immer mehr überhand nehmende innerliche Zerfall, durch die ahrimanische Loslösung der äußeren Macht bewirkt, ermöglichte den Sieg der Griechen.

„Nicht nur furchtbar, sondern äußerst verhasst hatten sich diese (Perser) der griechischen Nation gemacht, indem sie Staat und Gottesdienst zugleich bekriegten. Sie, einer Religion ergeben, wo die himmlischen Gestirne, das Feuer, die Elemente als gottähnliche Wesen in freier Welt verehrt wurden, fanden höchst scheltenswert, dass man die Götter in Wohnungen einsperrte, sie unter Dach anbetete. Nun verbrannte und zerstörte man die Tempel und schuf dadurch sich selbst ewig Hass erregende Denkmäler, indem die Weisheit der Griechen beschloss, diese Ruinen niemals wieder aus ihrem Schutte zu erheben, sondern, zu Anreizung künftiger Rache, ahndungsvoll liegen zu lassen. Diese Gesinnungen, ihren beleidigten Gottesdienst zu rächen, brachten die Griechen mit auf persischen Grund und Boden; manche Grausamkeit erklärt sich daher, auch will man den Brand von Persepolis damit entschuldigen.“

„Die gottesdienstlichen Übungen der Magier, die freilich, von ihrer ersten Einfalt entfernt, auch schon Tempel und Klostergebäude bedurften, wurden gleichfalls zerstört, die Magier verjagt und zerstreut, von welchen jedoch immer eine große Menge versteckt sich sammelten und auf bessere Zeiten Gesinnung und Gottesdienst aufbewahrten.“

Fünfhundert Jahre, schreibt Goethe, mussten sie warten, bis zur Sassanidenzeit, zu Anfang des dritten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, eine Erneuerung der altpersischen Kultur stattfinden sollte.

Sie war von den Königen national gedacht. Mani, der gerade in jener Zeit auftrat und die Volksreligion ins Allgemeinmenschliche erhob, indem er sie mit dem Christusimpuls durchdrang, musste deshalb den Tod erleiden.

Die persische Nachblüte, die einsetzte, wurde vierhundert Jahre später vom Mohammedanismus versengt. Manis Angedenken lebte noch als höfischer Nachklang, gleichsam als Rarität, im Orient weiter. Und zwar merkwürdigerweise bis auf Goethes Tage. Goethe selbst druckt noch am Ende seiner Noten und Abhandlungen ein Schreiben der Gemahlin des Kaisers von Persien ab, an „Ihro Majestät die Kaiserin-Mutter aller Reußen“, samt dazu gehörigen Gedichten; eines, auf einem Ordensband, mit dem Bild der Sonne und des Königs, beginnt:


„Es segne Gott dies Band des edlen Glanzes,

Die Sonne zieht den Schleier von ihm weg,

Sein Schmuck kam von des zweiten Mani Pinsel,

Das Bild Feth Ali Schahs mit Sonnenkrone…“


Er fügt hinzu: „Die orientalischen Höfe beobachten, unter dem Schein einer kindlichen Naivität, ein besonders kluges, listiges Betragen und Verfahren; vorstehende Gedichte sind Beweise davon.“

Hier dient der Name des Eingeweihten der Arabeske. Goethe kommentiert: „Unter Mani ist Manes gemeint, Sektenhaupt der Manichäer; er soll ein geschickter Maler gewesen sein, und seine seltsamen Irrlehren hauptsächlich durch Gemälde verbreitet haben.“

Selbst Goethe konnte unüberwindlicher Vorurteile wegen diesem großen Geist nicht mehr dir volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, obwohl er selbst so viel von seiner Wesenswirkung in sich trug.

Manis wahres Bild bleibt umschattet, weil der griechisch-lateinische Zeitgeist, der im Abendland fast ausschließlich herrschte, in Goethe selbst so übermächtig strahlte.

Goethe, der ganz gewiss das alte Persertum in sich trug (dieses einzige Gedicht ist der Beweis davon), brachte es zwar zu einer Durchdringung des griechischen Geistes mit dem Christentum, nicht aber zu einer solchen des persischen. Und doch, in dem Kapitel der Farbenlehre, wo er den Übergang macht zu den sinnlich-sittlichen Wirkungen der Farbe, glänzt schon der erste Morgenschimmer einer Kulturepoche, die eine Renaissance des echten Persertums bringen wird.

Gegen Ende des Faust II tritt die Verwandtschaft des Mephistopheles, der, wie sein Name sagt, ursprünglich ein jüdisch-kabbalistisch-mittelalterlicher Teufel ist, mit Ahriman, dem persischen Geist der Finsternis, immer deutlicher hervor, und Faust selber scheint mit der Urbarmachung jenes Uferstriches an den Strand eines neuen Zeitalters zu treten, um das Vermächtnis altpersischen Glaubens in die Tat umzusetzen.

Schwerer als Manis Beziehung zum Persischen, ist diejenige zum Indischen zu erfassen. Was die Religionsgelehrten den Doketismus der Manichäer nennen, hängt damit zusammen.

Das erscheint zunächst paradox. Denn Mani schrieb der Materie Realität zu. Die Inder aber betrachteten sie als Maja. Sie ist für ihn finster, wobei finster nicht bloß Abwesenheit des Lichtes ist, sondern eine Wesenseigenschaft des Archonten der Finsternis: das Böse. Und der Mensch ist völlig in sie verstrickt. Die Inder, denen die irdische Welt Täuschung ist, lebten mehr im ätherischen als im physischen leibe. Sie waren sich überhaupt noch nicht völlig ihrer Physis bewusst und empfanden diese deshalb nicht als Wirklichkeit. Die materielle Welt war Unwirkliches, die den alles hervorbringenden Brahma umgab. Und wenn es für die Menschen verderblich war und nichts als Leiden bewirkte, sich mit dem Physischen zu vereinigen, so war es für einen Gott ganz und gar undenkbar. Buddha selber, so sagt die Legende, sei aus der Maja geboren.

Für Mani musste die Materie in einem einzigen Wesen Schein werden, nämlich im Lichtkönig, der ein Sein hatte, bevor die Materie, die dunkel ist, existierte. Das vollkommene Licht als solches brauchte den Menschen, um die Finsternis zu bekämpfen. In die Seele des Jesus trat der König des Lichtparadieses, der Christus, ein, aber er wurde leiblich nicht geboren. Er selbst hatte nicht einen physischen Leib.

„Die einfache und wahre Natur des Lichtes“, schreibt Mani an einen gewissen Zebenas, „ist Eine, und seine Wirksamkeit eine und dieselbe. Denn das Licht leuchtete in der Finsternis, und die Finsternis nahm es nicht an. Es berührte das Wesen des Fleisches nicht, sondern umgab sich nur mit einem Schattenbilde des Fleisches, damit es nicht durch das Wesen des Fleisches überwältigt, leidensfähig und vergänglich gemacht werde, indem die Finsternis eine Lichtwirksamkeit aufheben würde. Wie litt es nun, da weder die Finsternis Gewalt über dasselbe hatte, noch seine Wirksamkeit verdunkelt wurde?“

Mani will sagen: Christus entstammt nicht einer irdischen Mutter. Sein Leiden und sein Tod waren nur durch die Hülle, die er von Jesus hatte, gegeben, nicht durch seine eigene Natur. Alles musste geschehen, um das Los der Lichtseele in der physischen Welt den Menschen zum Bewusstsein zu bringen. Und die Kreuzigung war der sichtbare Ausdruck davon.

Christus lebte in Jesus von Nazareth drei Jahre, von der Taufe bis zur Auferstehung. Er macht die Leiden des Jesus in dessen Lichtseele durch. Für ihn, den Christus, war der Leib des Jesus da, um den Tod aufzuheben. Er ist zur Verherrlichung der Gottheit geschehen.

Christus ist nicht geboren (sondern Jesus von Nazareth, in dessen Leib Christus bei der Taufe am Jordan Wohnung nahm). Christus kann nicht sterben, obwohl er im Leib des Jesus von Nazareth den Tod mitmacht und alle mit ihm verbundenen Leiden, aber nicht als seine Leiden, sondern als die der Menschheit trägt.

Faustus soll, nach Augustin, gesagt haben, dass Christus nur zum Scheine einen Körper hatte, der litt. „Sein Körper war nicht verwundbar und sterblich.“ Es wäre also ein Scheintod. „Sein Leiden ist ein Bild des an den Kreuzesstamm der Materie gleichsam angehefteten Geistes, seine Auferstehung ein Bild des von den Banden der Materie befreiten Geistes.“

Augustin kann nicht den Jesus von dem Christus unterscheiden, er erkennt nicht, dass Christus von oben kommt, vom Kosmos her, dass er der Lebensquell des Lichtes selber ist. Christus ist schuldlos. Er ist, weil er den allgemeinen Fall der Menschheit, die Sünde, nicht durchgemacht hat, auch nicht dem Tode unterworfen. Er hat kein Schicksal abzutragen, kein Karma, wie der Inder sagt. Er leidet nicht an sich. Für ihn ist die Welt Maja, da seine Wesenheit, aus der alles stammt, sie aufhebt. Die Welt ist außer ihm nicht da, weil er die Welt selber in sich überwunden hat. Er hebt den Tod tatsächlich auf, indem er aufersteht.

Mani legte den Hauptwert seiner Lehre auf das Lichtleben, das unberührbar ist von der Materie, das die Materie wohl aufheben, aber nicht von ihr verschlungen werden kann. Er sah den Gekreuzigten als einen Sieger über den Tod, und dieser Sieg war ihm von Anfang an sicher.

Überall sonst ist die Materie Realität, aber in der Auferstehung ist sie „Schein“ geworden. Denn jetzt ist die Finsternis des Stoffes durch das Licht besiegt.

Dass die Lichtseele der anderen Menschen, und als leuchtendste diejenige des Jesus von Nazareth, leidend gedacht ist, sagt schon der Ausdruck Jesus patibilis. Aber Christus, der in des Jesus Lichtseele lebt, erlöst ihn. Er hebt seinen Tod auf und nach ihm auch den Tod der andern Menschen, die ihn, den König des Lichtparadieses, suchen.

Die Menschheit muss sich daran gewöhnen, dass die aufeinander folgenden Menschheitsepochen das Mysterium von Golgatha verschieden erleben, anders der Mensch mit der jüdischen, der griechischen, der persischen, der indischen Seele. Ein jeder wird immer nur ein Teilstück dieses Weltengeschehens begreifen. Und gewiss ist, dass solche Begrenztheit der Seelen nicht etwa eine örtlich und zeitlich bedingte ist, sondern eine schicksalsgemäße. Es gibt Menschen, die tragen in ihrer Seele viel von alten Kulturen in neue hinüber, bis in die jetzige hinein. Und gemäß diesem Geschick schauen sie auf jenes gewaltige Ereignis hin. Man sollte versuchen, den Standpunkt eines jeden zu begreifen. Und darf sich nicht scheuen, das was man glaubt begriffen zu haben, auch auszusprechen.


Eine wenig beachtete Stelle in Goethes Kunstbetrachtungen vermag uns in dieser Richtung noch weiter zu führen. Er hat einen Aufsatz über die Externsteine im Teutoburger Wald geschrieben, die jüngst wiederum Gegenstand archäologischer Diskussionen geworden sind. Goethe beschreibt sie als Naturheiligtümer, die ehemals dem heidnischen, späterhin dem christlichen Gottesdienst geweiht sein mochten, und knüpft daran Betrachtungen, worin er der jüngeren Kunstforschung die bedeutendsten Gedanken voraus nimmt. Er sagt nämlich, „dass von der christlichen Zeitrechnung an die bildende Kunst, die sich im Nordwesten niemals hervortrat, nur noch im Südosten, wo sie ehemals den höchsten Grad erreicht, sich erhalten, wiewohl nach und nach verschlechtert habe“ und weist dabei auf die Schulen der Byzantiner in der „Malerei, der Mosaik, des Schnitzwerkes“. Er spricht ferner davon, dass die christliche Religion die Leidenschaft, sich an Bildern zu erfreuen und zu erbauen, von den Heiden ererbt habe. Im Westen wäre dagegen alle Fähigkeit, irgendeine Gestalt hervorzubringen, völlig verloren gegangen. Derart zeit er deutlich genug auf einen östlichen Ursprung der Kunst in und gibt damit eine Richtung an, die heute Strzygowsky einschlägt, allerdings unter dem großen Widerspruch der konfessionellen Kunstgelehrten.

Aber Goethe geht noch weiter. Er beschreibt ein berühmt gewordenes Altertum an jener Stätte. Eine „Abnahme Christi vom Kreuz, in Lebensgröße, halb erhaben, in die Felswand eingemeißelt“ und weist dabei auf die Form des Kreuzes, die, so schreibt er, sich der gleichschenkligen des griechischen annähert; sodann aber auf Sonn und Mond, welche in den obern Winkeln zu beiden Seiten sichtbar sind und in ihren Scheiben zwei Kinder sehen lassen, auf welchen besonders unsere Betrachtung ruht.“

Es mögen hier Goethes Worte, auf die es ankommt, selber sprechen: „Es sind halbe Figuren, mit gesenkten Köpfen, vorgestellt, wie sie große, herabsinkende Vorhänge halten, als wenn sie damit ihr Angesicht verbergen und ihre Tränen abtrocknen wollten.“

Dass dieser aber eine uralte sinnliche Vorstellung der orientalischen Lehre, welche zwei Prinzipien annimmt, gewesen sei, erfahren wir durch Simplicius´ Auslegung zu Epiktet, indem derselbe im vierunddreißigsten Abschnitt spottend sagt: „Ihre Erklärung der Sonn- und Mondfinsternisse legt eine zum Erstaunen hohe Gelehrsamkeit an den Tag: denn sie sagen, weil die Übel, die mit dem Bau der Welt verflochten sind, durch ihre Bewegungen viel Verwirrung und Aufruhr machen, so ziehen die Himmelslichter gewisse Vorhänge vor, damit sie an jenem Gewühl nicht den mindesten Teil nehmen, und die Finsternisse seien nichts anders als dieses Verbergen der Sonne oder des Mondes hinter ihrem Vorhang.“

Hier allerdings erfahren wir, dass Goethe mehr von Mani weiß, als er am Schlusse der Noten und Abhandlungen zum westöstlichen Divan durch jene scheinbar nebensächliche Erwähnung Manis glauben macht. Er fährt fort:

„Nach diesen historischen Grundlagen gehen wir noch etwas weiter und bedenken, dass Simplicius mit mehreren Philosophen aus dem Abendlande um die Zeit des Manes nach Persien wanderte, welcher ein geschickter Maler oder doch mit einem solchen verbündet gewesen zu sein scheint, indem er sein Evangelium mit wirksamen Bildern schmückte und ihm dadurch den besten Eingang verschaffte.“


„Dass eine Spur des Manichäismus durch das Ganze gehe“, fügt Goethe weiter noch hinzu, möchte sich auch noch durch den Umstand bekräftigen, dass, wenn Gott der Vater sich über dem Kreuze mit der Siegsfahne zeigt, in einer Höhle unter dem Boden ein paar hart gegeneinander knieende Männer von einem löwenklauigen Schlangendrachen, als dem bösen Prinzip, umschlungen sind, welche, da die beiden Hauptweltmächte einander das Gleichgewicht halten, durch das obere große Opfer kaum zu retten sein möchten.“

Der Aufsatz endet:

„Nun aber zum Schluss wird´ ich erinnert, dass ähnliche Abbildungen in den Mithratafeln zu sehen seien, weshalb ich denn die erste Tafel aus Thomas Hyde Historia religionis veterum Persarum bezeichne, wo die alten Götter Sol und Luna noch aus Wolken oder hinter Gebirgen in erhobener Arbeit hervortreten, sodann aber die Tafeln XIX und XX zu Heinrich Seels Mithrageheimnissen, Aarau 1823, noch anführe, wo die genannten Gottheiten in flach vertieften Schalen wenig erhöht symbolisch gebildet sind.“

Dieser Hinweis lässt vermuten, dass Goethe Unbeschreibliches verschwieg.

Das Heiligtum im Teutoburger Wald ist ursprünglich eine altkeltische Mysterienstätte gewesen. Die jüngsten Forschungen haben ergeben, dass diese durchaus nach astronomischen Gesichtspunkten, dem Sonnenstand im Tierkreis, eingerichtet worden war. An gewissen Konstellationen lässt sich das außerordentliche Alter berechnen. Mit diesen urältesten Mysterien, die Abbilder von noch ehrwürdigeren, nämlich solchen der atlantischen Epoche sind, stehen jene mittelasiatischen Felsentempel in Beziehung, von denen uns die Alten berichten. Sie wurden von Kolonisten angelegt, die von Atlantis, als dieses unterging, nach Osten, in das Innere Asiens, zogen. Höchst merkwürdig ist nun, dass auch Mani, nach morgenländischen Schriftstellern (siehe Baur), in einer solchen Höhle, mit „herrlicher Luft und frischen Wasserquellen“, ein Jahr verbracht haben soll und hierauf mit „Bildern von außerordentlicher Schönheit“ erschienen sei: eben jener Tafel, „die man in der Folge Ertenki-Mani nannte.“

Porphyrius sagt von Zoroaster, er habe „in den Persien benachbarten Gebirgen eine natürliche blumen- und quellenreiche Höhle dem Allschöpfer und Vater Mithras geweiht.“ „Die Höhle“, so schreibt Baur, „trug nämlich das Bild der von Mithras geschaffenen Welt an sich, indem sie in ihrem Inneren in symmetrischen Entfernungen die kosmischen Körper und Klimate symbolisch darstelle. Nach Zoroaster sei es überhaupt gewöhnlich geworden, Höhlen und Klüfte, natürliche oder durch Kunst gebildete, zu Mysterien zu gebrauchen.“

Der älteste Gottesdienst der Menschheit vollzog sich in Felsentempeln. In diesen fanden Begegnungen mit den allmächtigsten Schöpferwesen statt. Die Kunstgebilde, die Mani schuf, waren kosmische Imaginationen des Weltalls. Nicht nur irdische Gesetze wie die Tafeln Moses.

So wie Mani die Welt in Farben und Formen wiedergab, so ließ er sie in Tönen und Lauten erklingen. Er war in allen Künsten Meister.

Auf ihn gilt Goethes Wort:


„Habt ihr Erd und Wasser so im Reinen,

wird die Sonne gern durch Lüfte scheinen,

wo sie, ihrer würdig aufgenommen,

Leben wirkt, dem Leben Heil und Frommen.

Ihr, von Müh´ zu Mühe so gepeinigt,

seid getrost, nun ist das All gereinigt,

und nun darf der Mensch als Priester wagen,

Gottes Gleichnis aus dem Stein zu schlagen.“


Mani trug in sich das griechisch-lateinische, das ägyptisch-chaldäisch-babylonische, das persische, das indische und sogar das altkeltisch-atlantische Mysterienwissen; er nahm es in seine Ichheit auf, indem er die Elemente Licht, Luft, Wasser und Erde erlebte, aber mit dem Auferstehungsimpuls des Christus erfüllte.

Jenen Weg, den die Völker von der untergegangenen Atlantis einschlugen, von Westen nach Mittelasien, durch die verschiedenen Kulturen, ging Mani als Einzelner in umgekehrter Folge, um den Christusimpuls hinzubringen. Diese in sich selbst gegründete Individualität nahm auf, was an Menschheitserbe vorhanden war seit der atlantischen Katastrophe und goss Kräfte hinein, die bis zum Kriege Aller gegen Alle, zur nächsten Erdenkatastrophe, reichen. Er sah sowohl die zerstörenden Mächte, welche die Entwicklung des Ichs mit sich brachte, als auch die heilenden. Beides: Hass und Liebe, die sich steigern, um in immer gewaltigeren Kämpfen aufeinander zu prallen.

 



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