unglueckundliebe

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Simone Weil

 

Das Unglück und die durchgehaltene Liebe

 

Das Unglück ist eine Entwurzelung des Lebens, etwas, das in mehr oder minder abgeschwächter Form dem Tode gleichkommt, etwas, das der Seele unabweisbar gegenwärtig ist durch den Zugriff oder die unmittelbare Drohung des körperlichen Schmerzes. Fehlt jeder körperliche Schmerz, so handelt es sich für die Seele nicht um wirkliches Unglück, weil der Geist sich jedem beliebigen Gegenstand zuwenden kann. Unser Geist flieht das Unglück ebenso unverzüglich, ebenso unwiderstehlich, wie ein Tier den Tod flieht. […]

Dasa Unglück lässt Gott auf eine Zeit abwesend sein, abwesender als ein Toter, abwesender als das Licht in einem völlig finsteren Kerkerloch. Eine Art von Grauen überflutet die ganze Seele. Während dieser Abwesenheit gibt es nichts, das man lieben könnte. Das Schreckliche ist, dass wenn die Seele in diesen Finsternissen, wo nichts ist, das sie lieben könnte, aufhört zu lieben -, dass dann die Abwesenheit Gottes endgültig wird. Die Seele muss fortfahren, ins Leere hinein zu lieben, oder zumindest lieben zu wollen, sei es auch nur mit dem winzigsten Teil ihrer selbst. Dann eines Tages naht sich Gott selbst und zeigt sich ihr und enthüllt ihr die Schönheit der Welt, wie dies bei Hiob der Fall war. Hört aber die Seele auf zu lieben, so stürzt sie schon hienieden in etwas hinab, das fast der Hölle gleichkommt. […]

Eine andere Wirkung des Unglücks ist, dass es die Seele nach und nach zu seinem Mithelfer macht, indem es ihr ein Gift der Trägheit einspritzt. Jeder, der lange genug unglücklich war, handelt wie in heimlichem Einverständnis mit seinem eigenen Unglück. Dieses Einverständnis hemmt alle Anstrengungen, die er etwa machen könnte, um sein Los zu verbessern; es geht so weit, dass es ihn hindert, die Mittel zu seiner Befreiung zu suchen, mitunter sogar so weit, dass es ihn hindert, diese Befreiung auch nur zu wünschen. Dann hat er sich in seinem Unglück eingerichtet, und die Menschen können glauben, er sei zufrieden. Ja mehr noch, dieses Einverständnis kann dahin führen, dass er, sich selber unbewusst, die Mittel und Wege zur Befreiung meidet und flieht. […]

Gott hat seine Schöpfung aus Liebe, um der Liebe willen erschaffen. Gott hat nichts anderes erschaffen als die Liebe selbst und die Mittel der Liebe. Er hat alle Formen der Liebe erschaffen. Er hat in allen möglichen Abständen Wesen erschaffen, die der Liebe fähig sind. Und er selbst ist, weil kein anderer es tun konnte, bis in die äußerste Entfernung, den unendlichen Abstand von sich selber hinausgegangen. Dieser unendliche Abstand zwischen Gott und Gott – äußerste Zerreißung, Schmerz, dem kein anderer gleichkommt, Wunder der Liebe -, dieser Abstand ist die Kreuzigung. Nichts kann von Gott entfernter sein als das, was zu einem Fluch gemacht worden ist.

Diese Zerreißung, über welche die höchste Liebe das Band der höchsten Einigung ausspannt, hallt unaufhörlich durch das ganze Weltall, vom Grunde des Schweigens, gleich zwei getrennten und verschmolzenen Tönen, als eine reine, eine herzzerreißende Harmonie. Dies ist das Wort Gottes. Die ganze Schöpfung ist nicht als sein Erklingen. Wenn die menschliche Musik in ihrer größten Reinheit uns durch die Seele dringt, so ist es dies, was wir durch sie hindurch vernehmen. Wenn wir gelernt haben, das Schweigen zu hören, so ist es dies, was wir, noch vernehmlicher, durch es hindurch erfassen.

Die in der Liebe ausdauern, hören diesen Ton auf dem tiefsten Grunde ihrer Verlorenheit, wohin das Unglück sie hinabgestoßen. Von diesem Augenblick an sind sie allen Zweifeln enthoben. Die Menschen, die das Unglück getroffen hat, sind am Fuße des Kreuzes, beinahe in der größtmöglichen Entfernung von Gott. Man soll nicht glauben, die Sünde sei eine größere Entfernung. Die Sünde ist keine Entfernung. Sie ist eine falsche Blickrichtung. […]

Wir Menschen empfangen durch unser Elend das unendlich kostbare Vorrecht der Teilhabe an diesem Abstand, der sich zwischen dem Sohne und dem Vater erstreckt. Aber dieser Abstand ist Trennung nur für die Liebenden; und für die Liebenden ist die Trennung, obwohl sie schmerzt, ein Gut, weil sie Liebe ist. Selbst die Qual des verlassenen Christus ist ein Gut. Es kann kein größeres Gut für uns hienieden geben als die Teilnahme an dieser Qual. Gott kann uns hienieden nicht vollkommen gegenwärtig sein, auf Grund des Fleisches. Aber er kann im äußersten Unglück beinahe vollkommen abwesend von uns sein. Dies ist für uns auf Erden die einzig mögliche Vollkommenheit. Darum ist das Kreuz unsere einzige Hoffnung. „Kein Wald bringt solchen Baum hervor, mit dieser Blüte, diesem Laub und dieser Frucht.“* […]

Wir wissen wohl, wem dieser Baum gleicht, der in uns aufgewachsen ist, dieser herrliche Baum auf den die Vögel des Himmels sich niederlassen. Wir wissen, welches der schönste von allen Bäumen ist. „Kein Wald bringt seinesgleichen hervor.“ Etwas, das noch grauenerregender ist als ein Galgen – siehe, das ist der schönste aller Bäume. Dies ist der Baum, dessen Same Gott uns eingesenkt hat, ohne dass wir wussten, was das für ein Same sei. Hätten wir es gewusst, wir hätten nicht unverzüglich unser Ja gesprochen. Dies ist der Baum, der in uns gewachsen ist, dessen Wurzeln uns unausrottbar durchdringen. Nur ein  Verrat allein kann ihn entwurzeln.

 

Aus: Das Unglück und die Gottesliebe 1941/42

 

*„Crux fidelis, inter omnes / Arbor una nobilis / Nulla talem silva profert / Fronde, flore, germine…“ (Venantius Fortunatus).

 

 

 

 

 

 

 

Durch das Leiden schimmert die vollere Wirklichkeit

 

Zu sagen, die Welt sei nichts wert, dieses Leben sei nichts wert, und zum Beweis das Übel anzuführen, ist widersinnig; denn wenn sie nichts wert ist, wessen beraubt dann das Übel? So sind das Leiden im Unglück und das Mitleid mit andern desto reiner und heftiger, je besser man die Fülle der Freude begreift. Wessen beraubt denn das Leiden den, der ohne Freude ist?

Und begreift man dir Fülle der Freude, so verhält sich das Leiden noch zur Freude wie der Hunger zur Nahrung.

Man muss durch die Freude die Offenbarung der Wirklichkeit empfangen haben, um die Wirklichkeit im Leiden zu finden. Sonst ist das Leben nur ein mehr oder minder schlechter Traum.

Man muss dahin gelangen, im Leiden, das Nichts und Leere ist, eine noch vollere Wirklichkeit zu finden.

Ebenso muss man eine sehr starke Liebe zum Leben haben, um den Tod noch stärker zu lieben.

 

Aus: Schwerkraft und Gnade 1941/42

 

 

 



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