weggefaehrten

Zurück

 

 

Emile Chartier

 

 

 

Freundschaft

                   

 

Freundschaft ist ein Quell wunderbarer Freuden. Man versteht das ohne weiteres, wenn man sich klarmacht, dass Freude ansteckend wirkt. Bereitet mein Kommen einem Freund Freude, lässt mich das Schauspiel dieser Freude sogleich selber Freude empfinden; so wird die Freude dem, der sie schenkt wiedergegeben; gleichzeitig werden Vorräte von Freude erschlossen, und beide sagen sich: „Ich hatte Glück in mir liegen, mit dem ich nichts anfing.“

Ich gebe zu, dass die Quelle der Freude inwendig ist und es kein betrüblicheres Schauspiel gibt, als wenn Leute, die mit sich und der Welt unzufrieden sind, einander mit Gewalt zum Lachen zu bringen ver-suchen. Allerdings ist ebenfalls zu bemerken, dass der zufriedene Mensch, wenn er allein ist, leicht seine Zufriedenheit vergisst; seine Freude schläft ein; er gerät in einen Zustand von Stupidität und Gefühllosigkeit. Das innere Gefühl muss sich äußere Bewegung verschaffen.

Wenn mich ein Tyrann einsperrte, um mir Respekt vor der Macht beizubringen, würde ich mir zur Gesund-heitsregel machen, ganz für mich allein jeden Tag einige Mal zu lachen. Ich würde meiner Freude genauso Bewegung verschaffen wie meinen Beinen.

Nehmen sie ein Bündel trockener Zweige; dem äußeren Anschein nach sind sie ebenso träge wie Erde; lässt man sie liegen, wo sie sind, werden sie auch langsam zu Erde; gleichwohl enthalten sie verborgene, ihnen von der Sonne geschenkte Glut. Bringt man auch nur die kleinste Flamme an sie heran, hat man alsbald ein prasselndes Feuer. Dazu war nur nötig, an der Tür zu rütteln und den Gefangenen zu wecken.

Ähnlich muss auch Freude erst geweckt werden. Wenn ein kleines Kind zum ersten mal lacht, drückt sein Lachen keineswegs etwas aus; es lacht nicht, weil es glücklich ist; ich würde eher umgekehrt sagen, dass es glücklich ist, weil es lacht; es macht ihm Spaß zu lachen, wie es ihm Spaß macht zu essen; aber essen  muss es zuerst. Das gilt nicht nur vom Lachen; man braucht auch Worte, um zu wissen, was man denkt. So lange man allein ist, kann man nicht man selber sein. Die Tröpfe von Moralisten behaupten, dass Lieben sich selber vergessen heiße; eine bei weitem zu simple Auffassung; je mehr man aus sich herausgeht, desto mehr ist man man selbst, desto mehr fühlt man sich auch leben. Lass das Holz in deinem Keller nicht verkommen.

 

                                               27. Dezember 1907


 

Alain

 

HÜTET EUCH VOR KASSANDREN

 

 Ein ziemlich unbekannter Philosoph hat prophetische Seele einen gewissen Zustand aufmerksamer Passivität genannt, in dem, wenn man so sagen darf, unsere Gedanken allen Kräften der Welt nachgeben wie die Blätter der Pappel. Die Seele steht dann allem offen. Ausgebreitet und gleichsam allen Schlägen ausgesetzt. Zustand des Außersichseins. Ich verstehe die Sibylle, ihren Dreifuß, ihre Krämpfe. Aufmerksamkeit gegenüber allem, das heißt Angst vor allem. Mir tun die leid, die sich nicht darauf verstehen, diesen Lärm und diese Bewegungen des großen Universums zunichte zu machen.

Zuweilen möchte der Künstler in jenen Zustand zurückfallen, in dem er allem Gehör schenkt, allen Farben, allen Tönen, allem Warmen, allem Kalten; er wundert sich dann, dass der Bauer oder der Seemann, die so tief in diese natürlichen Dinge eingelassen oder so abhängig von diesem Zustand sind, all diese Nuancen überhaupt nicht bemerken. Ein entschiedenes Schulterzucken entledigt sich solcher Dinge; das ist die königliche Geste. Der heilige Christophorus hat das Wasser durchquert, ohne die Wogen zu zählen. „Man kann nicht schlafen“, sagt er „wenn man so viel Geist hat“; man würde auch nichts tun können.

Immer muss man wegräumen, vereinfachen, übergehen. Mir scheint, es gehört zum Menschen, dass er den Schlummer und alle Arten des Halbschlafs auf den Schlaf zurückwirft. Ein Zeichen guter Gesundheit ist es, wenn man den Halbschlaf gar nicht duldet, sondern sofort zum tiefen Schlaf übergeht. Und erwachen heißt, den Schlummer abwerfen; wohingegen die prophetische Seele nur halb erwacht und ihre Träumereien fortspinnt.

Natürlich kann man so leben; nichts hindert einen daran. Wir sind so geschaffen, dass wir immerfort horchen müssen; wenn wir auf die Fabrik unseres lebenden Körpers achten, begreifen wir, dass selbst die kleinsten Zeichen in uns eindringen und sich darin eingraben. Ein gewisser Ton des Windes kündet von fern den Sturm an; und gewiss ist es gut, auf die Zeichen zu achten, aber man muss nicht bei den geringsten Veränderungen aufschrecken. Ich habe einmal ein riesiges Barometer gesehen, das so empfindlich war, dass ein Karren, der am Haus vorbeifuhr, oder auch bloß der Schritt eines Menschen die Nadel springen ließ. So wären wir, wenn wir uns gehen ließen; und mit dem Lauf der Sonne würde sich unsere Laune ändern; aber der König des Planeten schenkt all diesen Dingen kein Gehör.

Ein ängstlicher Mensch, der sich in Gesellschaft befindet, möchte alles hören, alles aufnehmen, alles interpretieren. Und daher ist für ihn die Unterhaltung ebenso albern und zusammenhanglos, als wenn alle sagten, was ihnen gerade in den Sinn kommt. Der Weise aber beschneidet die Zeichen und die Worte wie ein guter Gärtner. Mehr noch muss er das in der Welt tun; denn alle Dinge würden uns berühren und uns anhalten; der Horizont läge auf unseren Augen wie eine Wand; wir aber verweisen die Dinge an ihren Platz; jeder Gedanke ist ein Massaker von Impressionen.

Roden. Ich habe eine empfindsame Frau gekannt, die darunter litt, wenn sie sah, wie jemand einen Stamm oder einen Ast absägte. Aber wäre nicht der Holzfäller, so sähen wir alsbald Gestrüpp, Schlangen, Morast, Fieber und Hunger wiederkehren. Ebenso muss jeder seine Laune roden. Seiner eigenen Laune absagen, das ist die Skepsis selbst. Diese Welt wird erschlossen durch Sichel und Axt; das sind Schneisen auf Kosten von Träumen; das bietet den Vorzeichen die Stirn. Wenn man aber gegen sich nachsichtig ist und die Eindrücke verehrt, schließt sich die Welt um uns; dann kündigt sie sich uns durch ihre Gegenwart an. Kassandra kündete Unheil. Hütet euch vor den Kassandren, schlummernde Seele. Der rechte Mensch nimmt sich zusammen und schafft die Zukunft.

 

                                           25. August 1913

      

 


 

 

Alain

 

DIE KARDINALTUGENDEN

 

 

Wenn man sieht, dass ein Mensch, der sich etwas vornimmt, bereits am Gelingen zweifelt, bevor er einen Versuch unternommen hat, sagt man, er habe kein Selbstvertrauen. Diese Redensart ist durch Gebrauch gefestigt. Eine ungeheure Idee, von der die Antike kaum eine Ahnung hatte, hat sich aus den theologischen Windeln befreit und wandelt jetzt über die Erde ohne jede äußere Stütze. Aber dieses reiche Erbe muss entfaltet erden.

 

Wenn der Mensch an seinen eigenen Unternehmungen zweifelt, sei es, dass er den Frieden organisiert, sei es, dass er das Rechtswesen reformieren will, sei es, dass er sein eigenes Glück in die Wege leitet, fürchtet er immer drei Dinge in einem: die anderen Menschen, die äußere Notwendigkeit und sich selbst.

 

Nun ist es offensichtlich töricht, etwas zu unternehmen, wenn man nicht zunächst sich selbst vertraut. Wollen, ohne zu glauben, dass man zu wollen weiß, ohne bei sich einen Schwur zu tun, das ist kein Wollen. Wer auch nur voraussieht, dass er schwach und unbeständig sein wird, ist es schon. Man kann sich hierbei nicht auf die Erfahrung berufen, weil ein fester oder ein schwankender Wille die Erfahrung ändert. Es ist nicht sicher, dass die Wege sich auftun werden, wenn man den festen Glauben hat, aber es ist sicher, dass alle Wege versperrt sein erden, wenn man nicht zunächst den festen Glauben hat. Das heißt als Geschlagener in die Schlacht ziehen. Das heißt den Graben überspringen mit dem Gedanken, dass man hineinfallen wird. Glauben, dass man frei ist, ist die erste Bedingung allen Tuns; glauben, dass man sich selbst genügt, was auch immer kommen mag. Wenn jeder von vornherein an seinem eigenen Willen zweifelt, dann nimmt alles seinen lauf, folgt Krieg auf Krieg. So ist denn Glaube die erste Tugend.

 

Der Glaube kann nicht ohne die Hoffnung gehen. Als die Bergsteiger von fern die ersten Hänge des Everest sahen, da war alles Hindernis. Erst indem sie weiterschritten, fanden sie Zugänge. Deshalb ist es, wenn man von vornherein und von fern entscheidet, dass die Dinge sich dem Willen entgegenstellen werden, kein Wollen. Einen Versuch machen und dabei denken, dass die Straße versperrt ist, heißt nicht versuchen. So sieht man denn, dass die Erfinder und Reformatoren um das Gebirge herumgehen und durch jedes Tal vordringen so weit wie möglich und schließlich den Durchgang finden; denn in der Verschiedenheit der Dinge, die teilnahmslos und weder für noch gegen uns sind, findet sich immer Gelegenheit und Platz für den Fuß. Und entsprechend dem gewöhnlichen Sinn der Worte ist diese Tugend im Angesicht der Dinge die Hoffnung.

 

Der Mensch steht immer auf dem Spiel. Was vermag man schon in der Welt ohne den Glauben und die Hoffnung der anderen? Aber oft sind die Menschen fast alles; Friede und Gerechtigkeit hängen allein von den Menschen ab. Darum tötet Menschenverachtung die Hoffnung und selbst den Glauben. Wenn Menschen unverbesserlich unwissend und träge sind, was kann ich dann schon unternehmen? Werde ich versuchen, einen Menschen zu belehren, wenn ich ihn für dumm und leichtfertig halte? Es gibt also eine Art Hoffnung und auch eine Art Glauben, die sich an die anderen wenden und deren wahrer Name Nächstenliebe ist. Und diese mächtige Idee, die, wie die beiden anderen, von der christlichen Revolution herausgearbeitet worden ist, ist in ihrem vollen Sinn in die volkstümliche Sprache eingegangen, die sich hierbei an äußere Wirkungen hält. Die schwache und abstrakte Pflicht, seinen Nächsten zu lieben, ist noch nicht in den Kreis der Pflichten gegenüber sich selbst eingetreten. Dieses Gefühl wird dem Magen überlassen. Aber durch die Kraft des allgemeinen Denkens, das in der gewöhnlichen Sprache aufbewahrt ist, erhält sich das Wort Nächstenliebe im Bereich der Dinge, die man wollen muss, sobald man vorgibt, etwas zu wollen, und entwickelt darin seinen vollen Sinn. Diese Liebe zum Nächsten wird ganz nahe der Eigenliebe wohnen, und zwar ohne jedes Bedenken der Verdienste oder Tugenden des Nächsten. Die Nächstenliebe wird so natürlich sein wie das Leben. Dann wird das allgemeine Denken die erstaunten Philosophen lehren, dass der Glaube, die Hoffnung und die Nächstenliebe Tugenden sind.

                                                       26. November 1921

 

 

Der französische Philosoph Émile Chartier, bekannter unter dem Namen „Alain“, lebte von 1868 bis 1951. Durch sein Werk zieht sich wie ein roter Faden das Thema Freiheit. Er versuchte, die Religionen des Abendlands, den Pantheismus und die „olympische Religion“ im Christentum miteinander zu versöhnen.  Sein Denken übte nachhaltigen  Einfluss auf seine Schülerin Simone Weil aus.

 

 

 

 

Joe Bousquet

 

 

Aus:

Jacques Cabaud

„Simone Weil – Die Logik der Liebe“



S.270ff


Zu Ostern 1942 unternahm Simone Weil eine Reise nach Carcassonne, wobei sie zuerst die Benediktinerabtei von En-Calcat in Dourgne besuchte.Die strenge Zucht der Mönche, das herrliche romanische Bauwerk erfüllten sie mit Begeisterung.

In Carcassonne suchte sie ehemalige Bekannte aus der École Normale auf, die Familie Roubaud. In härenem Gewand, die nackten Füße in Sandalen, über alles Irdische erhaben, steht sie vor ihnen wie eine Heilige aus dem Mittelalter. Simone Weil, die sehr gealtert war und mit einem Schulheft unterm Arm erschien, begann damit, die politische Situation zu beurteilen und sagte, dass sie sich nie als Jüdin bekannt habe. Ihrer Meinung nach sei sie dazu nicht berechtigt. Mit einer Art kindi-schem Stolz sprach sie nun von ihren Erfahrungen als Winzerin. Niemandem entging, dass mystische Erlebnisse sie erfüllten. Sie erzählte dem jüngsten der Kinder Roubauds die Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern und fügte hinzu, dass sie vorhabe, den mystischen Gehalt in den Volksdichtungen aufzudecken. Pünktlich verließ sie das Haus – so lange es noch erlaubt war, auf der Straße zu sein. „Ich will dienen“ sagte sie, „ich will dorthin ge-hen, wo es am gefährlichsten ist … wo mein Leben am exponiertesten ist.“ Als sie gegangen war, herrschte eine beklemmende Atmosphäre. Auf alle Anwesenden – auch auf Jean Paulhan, der den Abend mit ihnen verbracht hatte – hatten ihre neuartige Erscheinung, ihre Distanz zu allem Irdischen und zu den Problemen der Jetztzeit einen sonderbaren Eindruck gemacht. Simone Weil hat diese ihre Freunde nie wiedergesehen; sie schrieb ihnen, welch ergreifende Erinnerung sie von dem Abend mit ihnen bewahrt habe.

Ist sie, als sie ihre Freunde verließ, zu Joe Bousquet gegangen, bei dem sie, wie wir wissen, um zwei Uhr morgens angelangt ist? Es war das erste und das letzte Mal, dass sie ihn sehen sollte. Sie waren geistig wahlverwandt: beide überzeugte Stoiker und leidgeprüft. Joe Bousquet, nach dem Ersten Weltkrieg an der unteren Körperhälfte gelähmt, war an sein Bett gefesselt. Die letzten Stunden der Nacht „vergingen in leidenschaft-lichen Gesprächen. Gegen Morgengrauen hat Simone Weil doch eingewilligt, sich in einem Nebenzimmer auf einer Matte auszustrecken, wobei sie, wie gewöhnlich, jede Bequemlichkeit zurückwies. Wenige Stunden später musste sie wieder aufbrechen, um in die Abtei zu ge-hen.“

Die Briefe, die sie in der Folge einander schrieben, können wir nicht ohne Erschütterung lesen. Simone Weil sandte ihm „Das gerettete Venedig“ mit einigen Ge-dichten, besonders das im Jahre 1941 entstandene „Nécessité“ („Notwendigkeit“), das wir noch nicht erwähnt haben: in ihm bekennt sie sich zum amor fati – ihrer Liebe zur Schönheit der Welt -, sie wendet sich an die stillen Sterne „in ihrem tanzenden Schreiten“:

„Zerreißt unser Fleisch, ihr strahlenden Ketten,

Dass wir euch gehorchen bis in den Tod.“

Die Aufmerksamkeit, mit der Joe Bousquet ihre Briefe aufnimmt, geht ihr nahe: „Aufmerksamkeit ist die seltenste und reinste Form der Großherzigkeit.“ Denn „nur sehr wenigen Geistern ist es gegeben, die Existenz der Dinge zu entdecken…Seitdem ich in diese Gegend gekommen bin, ist mir niemand begegnet, dessen Schicksal bedeutungsvoller gewesen wäre als das Ihrige. Nicht doch – einem Menschen“: Pater Perrin.

Joe Bousquet antwortet ihr: er beneide sie um ihre Intuition für das Gute und ihre Begabung, die Gegenwart des Bösen sogleich zu fühlen. Zum „Geretteten Venedig“ macht er folgende stilistische Bemerkung: „In Ihren Versen haben Sie einen durchdringenderen Blick als in Prosa. Es ist, als ob der Rhythmus der Verse in Ihnen den Rhythmus des Bewusstseins auslöse.“

Simone Weil sendet ihm auch ihren „Plan für die Ausbildung von Frontkrankenschwestern“. Sie hofft, nicht zu Unrecht, dass die Anerkennung eines im Krieg schwer verwundeten Offiziers diesem Projekt zugute kommen könnte, das sie vorhatte, zu einem späteren Zeitpunkt in London vorzulegen. Übrigens wären ihr seine Erklärungen in Bezug auf verschiedene Einzelheiten von großem Nutzen.

Joe Bousquet unterbreitet ihr eine Bitte: „Ich würde gerne erfahren, welches Ihre mystischen Erlebnisse sind und wie Sie sie analysieren…“ Der lange, von allen ihren Schriften am häufigsten zitierte Brief (vom 12. Mai 1942), in dem Simone Weil offenherzig antwortet, ist das Kernstück dieser Korrespondenz. „Selig, die zu einer Zeit leben, in der sie das Unglück der Welt im eigenen Fleisch erleiden dürfen, denn sie können und sollen es in seiner Wahrheit erkennen und in seiner Wirklichkeit schauen…Aber wehe, wenn sie diese Pflicht – obwohl sie ihnen auferlegt ist – nicht erfüllen…“

In wenigen Worten enthüllt sie hier nicht nur ihre geistige Persönlichkeit, sondern öffnet uns auch den Weg zum Verständnis ihres Lebens.



Datenschutzerklärung
Kostenlose Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!